Die Ulmer Ortsgruppe von Fridays For Future bei einer Demonstration. Die Ulmer Ortsgruppe von Fridays For Future bei einer Demonstration.

„Erschreckenderweise scheint das Thema Klimakrise für Teile der Gesellschaft an Bedeutung verloren zu haben“

Fridays for Future ist längst mehr als eine Schüler*innenbewegung. Seit Beginn der Klimaproteste von „Fridays for Future“ in 2018 haben sich in ganz Deutschland hunderte Ortsgruppen gegründet. Sie organisieren Demonstrationen, bringen ihre Forderungen in die Kommunalpolitik ein und vernetzen sich mit anderen Umweltinitiativen – und kämpfen auf lokaler Ebene für globale Klimagerechtigkeit.

Wie sieht diese Arbeit konkret aus? Welche Herausforderungen gibt es vor Ort? Und wie gelingt es, trotz begrenzter Ressourcen immer wieder Aktionen auf die Beine zu stellen? Ein Gespräch mit Silas Grünberg von der Ulmer Ortsgruppe von Fridays for Future gibt Einblicke in die Strukturen, Themen und Ziele einer engagierten Klimabewegung.

Wer hat die Ortsgruppe im Jahr 2019 gegründet – und was war damals der Auslöser oder das persönliche Motiv?
Die Gruppe wurde 2019 von Schüler*innen gegründet – aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus. Als Einzelperson fühlt man sich oft machtlos angesichts der Klimakrise. Aber gemeinsam gelingt es, Menschen zu mobilisieren und auf die Straße zu bringen.

Die Ulmer Ortsgruppe von Fridays For Future bei einem Klimaprotest.

Wie viele aktive Mitglieder habt ihr aktuell – und wie hat sich das über die Jahre entwickelt?
Derzeit sind etwa zehn Personen aktiv bei uns engagiert. Die Zahl der Mitglieder hat im Laufe der Jahre stark geschwankt – zeitweise bestand unsere Gruppe nur aus drei aktiven Personen. Die schwankenden Mitgliederzahlen kommen dadurch zustande, dass Menschen mit der Schule oder dem Studium fertig werden und dadurch keine Kapazitäten mehr haben und häufig auch die Stadt wechseln.

Ergreift ihr aktiv Maßnahmen, um neue Mitglieder zu gewinnen?
Wir bieten meist nach Demos ein offenes Plenum an, dass wir auch auf sozialen Medien bewerben, wo neue Menschen vorbeikommen können, uns kennenlernen und in unsere Arbeit reinschnuppern können. Viele von uns bringen auch immer wieder Freund*innen und Bekannte mit zu FFF. 

Wie organisiert ihr euch intern? Gibt es feste Rollen oder Arbeitsgruppen?
Wir arbeiten in verschiedenen Teams bzw. Arbeitsgruppen, die sich um wiederkehrende Aufgaben kümmern – zum Beispiel Social Media, unsere Radiosendung, Finanzen oder Öffentlichkeitsarbeit. Wir treffen uns etwa alle ein bis zwei Wochen in Präsenz. Bei unseren Treffen geht es um die Organisation anstehender Aktionen sowie um Aufgaben, die in den verschiedenen Teams zu erledigen sind.

Wie finanziert ihr eure Demonstrationen?
Unsere Aktionen finanzieren wir über Spenden, die wir bei eigenen Veranstaltungen einnehmen, sowie durch Förderungen von der Deutschlandebene von Fridays for Future.

Wie reagierten die Stadt oder die Polizei auf eure Demonstrationen? Gab es schon juristische Auseinandersetzungen oder Auflagen?
Die Reaktionen von Stadt und Polizei sind sehr unterschiedlich – das hängt oft vom aktuellen Personal ab. Mit der Polizei haben wir inzwischen ein gutes Verhältnis aufgebaut, sie vertraut uns, dass unsere Versammlungen gut organisiert und friedlich ablaufen. Mit der Stadt gab es in jüngerer Vergangenheit kleinere juristische Auseinandersetzungen, vor allem wegen unserer gewünschten Demonstrationsrouten, die nicht immer genehmigt wurden. Da wir uns intensiv mit dem Versammlungsrecht und relevanten Gesetzestexten auseinandergesetzt haben, konnten wir uns in vielen Fällen durchsetzen oder zumindest tragfähige Kompromisse finden. Unterstützung erhielten wir dabei unter anderem durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Sigmaringen, das unsere Versammlung auf einer großen Bundesstraße in Ulm für rechtmäßig erklärte.

FFF Ulm plant auch gemeinsame Proteste mit anderen Organisationen wie Greenpeace.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit anderen lokalen Klimagruppen, NGOs oder auch der Stadtverwaltung? Arbeitet ihr mit LocalZero Ulm zusammen?
In Ulm gibt es das sogenannte Klimanetz, einen Zusammenschluss aller Klima- und Umweltschutzorganisationen vor Ort – darunter auch LocalZero. Dort arbeiten wir an gemeinsamen Themen, planen Aktionen und formulieren Forderungen. Zudem haben wir einen Sitz im Klimaschutzbeirat der Stadt Ulm und führen gelegentlich auch Gespräche mit dem Oberbürgermeister oder mit Fraktionen des Gemeinderats.

Gibt es bestimmte Unternehmen oder Projekte in Ulm/Neu-Ulm, die ihr kritisch begleitet oder öffentlich thematisiert habt?
Ein zentrales Thema war und ist der Ausbau der Konrad-Adenauer-Brücke in Ulm, den wir mit zahlreichen Protestaktionen begleitet haben. Gemeinsam mit dem Klimanetz haben wir auch konkrete Alternativvorschläge an die Stadt übermittelt.
Darüber hinaus setzen wir uns seit langem für eine konsequente Verkehrswende ein – weg von der autogerechten Stadt hin zu einer fahrrad- und ÖPNV-freundlichen Infrastruktur. Zwar geht die Stadt hier erste Schritte in die richtige Richtung, aber das Tempo und die Maßnahmen reichen bei Weitem nicht aus.

Was sind die größten Hürden, mit denen ihr in eurem Aktivismus aktuell konfrontiert seid?
Unsere größte Herausforderung ist derzeit der Mangel an Kapazitäten. Es gäbe viele Projekte und Ideen, aber wir sind schlicht nicht genug Menschen mit ausreichend Zeit, um alles umzusetzen.

Wie schätzt ihr die öffentliche Wahrnehmung von Fridays for Future aktuell ein – in Ulm/Neu-Ulm, aber auch bundesweit?
Erschreckenderweise scheint das Thema Klimakrise für Teile der Gesellschaft an Bedeutung verloren zu haben – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Das macht unseren Einsatz umso wichtiger.

Silas Grünberg auf dem FFF-Sofa bei einer Fahrraddemo.

Welche Protestaktionen habt ihr in den letzten Monaten organisiert – und welche davon waren besonders erfolgreich oder prägend?
Im letzten Jahr haben wir beispielsweise eine Demonstration zur EU- und Kommunalwahl durchgeführt, zwei Fahrraddemos organisiert und zum Black Friday zusammen mit Greenpeace gegen übermäßigen Konsum demonstriert.

In diesem Jahr haben wir bei der Nie Wieder ist Jetzt Demo mitgemacht und eine #RechtaufZukunft Demonstration ins Leben gerufen. Außerdem haben wir im März Workshops an Schulen und mit Senior*innen veranstaltet, um generationenübergreifend über die Klimakrise zu informieren. Auch in diesem Jahr standen bereits drei Fahrraddemos auf dem Programm: eine zum globalen Klimastreik mit einem FFF-Sofa als Fahrradanhänger, die Kidical Mass mit dem ADFC, VCD und P&PFF und eine Fahrraddemo mit dem ADFC zum Weltfahrradtag.

Ebenfalls im Fokus standen in diesem Jahr die Gasbohrungen in Bayern. Hier haben wir im April einen Vortrag gehalten und im Mai an einer Demo gegen Erdgasbohrungen in Reichling teilgenommen. Auch den Hitzeaktionstag haben wir mit FFF Ulm begleitet und eine Kundgebung auf die Beine gestellt. Viele weitere Aktionen sind in Planung.

Im nächsten Jahr steht die Landtagswahl in Baden-Württemberg an – spielt das bei euren Planungen schon eine Rolle?
Ja, auf jeden Fall. Wir werden im Vorfeld der Landtagswahl Aktionen durchführen, bei denen wir uns kritisch mit den Klimaschutzprogrammen der Parteien auseinandersetzen. Wir werden beispielsweise Demonstrationen, Gesprächsrunden oder Podiumsdiskussionen veranstalten.

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