Energiewende im Libanon: Gerechtigkeit entscheidet über den Erfolg

Die Energiekrise im Libanon – eine der dringendsten Herausforderungen, mit denen das Land derzeit konfrontiert ist – betrifft Haushalte, Unternehmen und die Umwelt gleichermaßen. In diesem Gastbeitrag teilt Dr. Pierre Saade, Leiter MENA und Anti-Korruptions-Beauftragter beim Resource Justice Network, die wichtigsten Erkenntnisse aus einem Policy Brief, den er für libanesische Entscheidungsträger, die Zivilgesellschaft und Entwicklungspartner verfasst hat.

Die Energiekrise im Libanon

Seit 1990 steckt der Libanon in einer strukturellen Energiekrise. Der Finanzkollaps von 2019, die Explosion im Hafen von Beirut und anhaltende regionale Konflikte haben die Lage weiter verschärft. Die staatliche Stromversorgung ist weitgehend zusammengebrochen, viele Haushalte sind auf private Dieselgeneratoren angewiesen. Das treibt die Kosten, belastet die Gesundheit und verschärft die Umweltverschmutzung.

Der Ausweg liegt in einer konsequenten Umstellung auf erneuerbare Energien wie Solar- und Windkraft. Sie können Emissionen senken, Strom bezahlbarer machen und die Abhängigkeit von importierten Brennstoffen verringern. Mit dem Gesetz Nr. 115/2019 hat sich der Libanon verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 30 Prozent bedingungslos und um 15 Prozent bedingt zu reduzieren. Doch dieses Ziel erfordert einen klaren, umsetzbaren Transformationsplan.

Warum die Energiewende vor allem eine soziale Frage ist

Technik allein wird die Krise nicht lösen. Die Ausgestaltung der Reformen entscheidet darüber, ob die Energiewende breite Unterstützung findet. In einem Land mit drastisch gesunkenen Einkommen darf der Umstieg auf erneuerbare Energien keine zusätzliche finanzielle Last erzeugen. Energiepolitik muss Haushalte mit geringen Mitteln schützen.

Ein fairer Zugang zu alternativen Energiequellen ist ebenso notwendig. Abgelegene und benachteiligte Regionen brauchen gezielte Investitionen, damit bestehende Ungleichheiten nicht weiter wachsen.

Der Ausbau erneuerbarer Energien wirft zudem praktische Fragen auf. Unkoordinierte Installationen können in dicht besiedelten oder kulturell sensiblen Gebieten Konflikte auslösen. Für Batterieabfälle fehlen vielerorts tragfähige Konzepte. Ohne klare Regeln entstehen neue Umweltprobleme.

Energiepolitik darf kein geschlossener Verwaltungsprozess bleiben. Bürger*innen sowie zivilgesellschaftliche Organisationen müssen daher in die Planung und Umsetzung einbezogen werden.

Wenn Reformgesetze beschlossen aber nicht umgesetzt werden

Rechtliche Grundlagen existieren zwar im Libanon, ihre Wirkung bleibt aber begrenzt. Das Gesetz zur Regulierung des Elektrizitätssektors aus dem Jahr 2002 sollte den Strommarkt neu ordnen, Wettbewerb ermöglichen und eine unabhängige Aufsicht schaffen. Vorgesehen ist eine Regulierungsbehörde, die Tarife überwacht, Lizenzen vergibt und Transparenz sichert. Diese wurde aber bis heute nicht eingesetzt.

Das Gesetz über dezentrale erneuerbare Energien, das 2023 verabschiedet wurde, erlaubt es Privatpersonen, Unternehmen und Gemeinden, Strom aus erneuerbaren Quellen selbst zu erzeugen und ins Netz einzuspeisen. Es soll Investitionen erleichtern und die Abhängigkeit vom staatlichen Monopol verringern. Ohne Durchführungsverordnungen und ohne eingesetzte Regulierungsbehörde lässt sich jedoch auch dieses Gesetz kaum anwenden. Ein zentrales Instrument der Energiewende bleibt damit blockiert.

Das Energieeinsparungsgesetz befindet sich seit 2019 im Gesetzgebungsprozess. Ein überarbeiteter Entwurf wurde damals vom Energieministerium vorgelegt und wartet seither auf parlamentarische Verabschiedung. Das Gesetz soll Effizienzstandards festlegen, den Energieverbrauch senken und staatliche Institutionen zu Sparmaßnahmen verpflichten. Trotz inhaltlicher Schwächen würde es erstmals einen verbindlichen Rahmen für Energieeffizienz schaffen.

Diese strukturellen Defizite bremsen die Energiewende zusätzlich aus. Es gibt keine verbindlichen Verfahren, die eine systematische Beteiligung der Zivilgesellschaft sichern. Parlamentarische Ausschüsse tagen hinter verschlossenen Türen, öffentliche Debatten finden kaum statt. Transparenz bleibt dadurch begrenzt, wodurch Vertrauen in der libanesischen Bevölkerung nur schwer entstehen kann. Internationale Förderprogramme setzen zwar Impulse, sind jedoch meist befristet und kaum mit langfristigen staatlichen Strategien verzahnt. Auf dieser Grundlage lässt sich kein grundlegender Umbau des Energiesystems tragen.

Reformstau im Energiesektor

Der Staat muss seine Energiepolitik neu ausrichten. Eine umfassende Strategie sollte klären, wie nationale Ressourcen genutzt werden, welche Rolle Exporte spielen und wie sich der Energiemix entwickelt. Dezentralisierung funktioniert nur, wenn Zuständigkeiten, Genehmigungsverfahren und Aufsicht klar geregelt sind und Entscheidungen transparent getroffen werden.

Bestehende Gesetze müssen angewendet werden. Die Ernennung der Regulierungsbehörde und eine grundlegende Reform von Électricité du Liban sind dafür zentrale Voraussetzungen. Électricité du Liban, kurz EDL, ist das staatliche Stromunternehmen und kontrolliert Erzeugung, Übertragung und Verteilung im Land. Seit Jahren kann es den Bedarf jedoch nicht decken und gilt als finanziell wie strukturell überfordert. Ohne eine Neuordnung dieses Unternehmens bleibt auch das Gesetz über dezentrale erneuerbare Energien in der Praxis blockiert. Parallel dazu sollte das Energieeinsparungsgesetz verabschiedet und mit konkreten Verordnungen unterlegt werden.

Beteiligung braucht verbindliche Regeln. Gemeinden und zivilgesellschaftliche Organisationen sollten frühzeitig Zugang zu Informationen über geplante Energieprojekte erhalten, Stellungnahmen abgeben und Anhörungen beantragen können. Ihre Vertreter sollten in lokale Energieausschüsse oder Aufsichtsgremien eingebunden werden, die über Standortfragen, Netzanschlüsse oder Fördermittel mitentscheiden. Zudem braucht es transparente Beschwerdeverfahren, damit Betroffene Entscheidungen überprüfen lassen können. So wird Beteiligung mehr als eine formale Konsultation.

Internationale Partner können gezielt Kapazitäten stärken. Kommunen benötigen technisches und administratives Know-how, um Projekte selbst zu entwickeln. Förderprogramme sollten langfristig angelegt und an lokale Partnerschaften gebunden sein. Kleine, gemeindebasierte Initiativen können zeigen, wie eine sozial ausgewogene Energiewende praktisch funktioniert.

Die Zivilgesellschaft bleibt selbstverständlich ein Motor für Reformen. Sie kann Umsetzungslücken benennen, Transparenz einfordern und gemeinsam mit Kommunen Projekte in Schulen, Gesundheitseinrichtungen oder unterversorgten Vierteln realisieren. Soziale Gerechtigkeit sollte dabei Maßstab bleiben, insbesondere mit Blick auf marginalisierte Regionen, Geflüchtete und Haushalte mit geringem Einkommen.

Wie Staat, Kommunen und Zivilgesellschaft die Wende gemeinsam vorantreiben können

Die Energiewende im Libanon ist entscheidend für Stabilität, wirtschaftliche Erholung und ökologische Nachhaltigkeit. Durch die Nutzung bestehender rechtlicher Rahmenbedingungen und die Förderung von Partnerschaften zwischen Staat, Zivilgesellschaft und internationalen Gremien kann der Libanon eine dezentrale, gerechte und nachhaltige Energiezukunft erreichen. Dieser Wandel ist nicht nur für die nationale Entwicklung, sondern auch für umfassendere Erholungs- und Wiederaufbaumaßnahmen von entscheidender Bedeutung. Jetzt ist es an der Zeit zu handeln.

Über Dr. Pierre Saade

Dr. Pierre Saade kam 2018 als Regionalkoordinator für den Nahen Osten und Nordafrika zum Resource Justice Network und wurde 2025 zum Leiter der MENA-Region und Ansprechpartner für Korruptionsbekämpfung befördert. Er beaufsichtigt die Aktivitäten der Organisation in der gesamten Region und arbeitet mit Koalitionen und Mitgliedern im Irak, Libanon, Tunesien, Jemen, Kuwait, Marokko, Libyen, Ägypten und Jordanien zusammen.

Pierre setzt sich für das Ziel des Netzwerks ein, durch eine inklusive Energiewende prosperierende Gesellschaften aufzubauen.

Bevor er zum Resource Justice Network kam, war Pierre Programmmanager bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Beirut und leitete dort sechs Programme und mehr als 15 zivilgesellschaftliche Partner zu Themen wie Jugendbeteiligung, nachhaltige Entwicklung, Wahlreform, Umweltpolitik sowie Öl und Gas. Außerdem war er als Außendienstmitarbeiter für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz tätig.

Pierre lehrte in Teilzeit an der Fakultät für Rechts- und Politikwissenschaften der Universität Notre Dame. Er hat einen BA und MA in Internationalen Beziehungen und Diplomatie von der Universität Notre Dame und einen PhD von der Libanesischen Universität, wo er sich auf den Öl- und Gassektor des Libanon und die Auswirkungen der politischen und administrativen Systeme auf die Governance natürlicher Ressourcen konzentrierte. Er spricht Englisch, Arabisch und Französisch.

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