Kira Bönisch ist Klimagerechtigkeitsaktivistin. Seit über vier Jahren engagiert sie sich an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Aufgabenbereichen bei Fridays For Future. Aktuell ist sie Vernetzungskoordinatorin bei Fridays For Future Berlin. In einem Gespräch hat sie uns einerseits von ihrem Werdegang und ihren Erfahrungen im Klimaschutz erzählt. Andererseits hat sie von der Fridays-for-Future-Bewegung und der Entwicklung der Organisation berichtet – und wie sie sich das abflachende Interesse an Klimaschutz erklärt, obwohl dieser gerade dringender ist als je zuvor.
Den Eisbären geht es nicht gut
Die erste Begegnung von Kira mit der Klimakrise ist ein Bild. Sie ist in der dritten oder vierten Klasse und nimmt an einem Malwettbewerb teil, in dem es thematisch um den Klimawandel geht. Das Fazit, das die Kinder aus dem Wettbewerb und ihren Bildern ziehen: Es geht den Eisbären schlecht und wir müssen weniger Auto fahren.
Mehr als zehn Jahre später sitzt Kira im Foyer ihrer Berliner Universität. Zwei ältere Frauen unterhalten sich zwei Tische weiter. „Ganz schön warm heute“, sagt die eine. „Es ist wirklich beängstigend, wie schnell das geht.“ Ihre Begleiterin nickt. „Aber ich fahr trotzdem weiter Auto.“ Kira hört zu, schweigt – und merkt: Viel hat sich seit dem Malwettbewerb nicht geändert.
Aufgewachsen zwischen Reitstall und Realität
Kira wächst im Münsterland auf. „Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater Ingenieur. Ich bin mit meinem älteren Bruder aufgewachsen, in einer Kleinstadt“, erzählt sie. Als Kind reitet sie, spielt Tischtennis, hat Katzen. Politik ist kein großes Thema in ihrer Familie. Die Klimakrise schon – aber eher als ferne Sorge statt akute Herausforderung. „Ich bin immer mit dem Wissen aufgewachsen, dass es einen Klimawandel gibt, aber gleichzeitig auch mit dem Wissen, dass sich da bereits drum gekümmert wird.“
Erst als sie 18 ist und über Fridays For Future mit Klimaprotesten in Münster in Kontakt kommt, ändert sich ihr Blick. „Da habe ich gemerkt, dass das alles nicht automatisch besser wird, dass politisch viel zu wenig passiert. Und natürlich auch, dass es den Eisbären offensichtlich auch schlecht geht durch die Klimakrise. Aber dass das Hauptproblem eigentlich die Folgen für Milliarden von Menschen sind, die am wenigsten zur Klimakrise beitragen – während Hauptverursacher*innen wie Milliardär*innen die Folgen kaum zu spüren bekommen.“
Vom Malwettbewerb zur Mittagspausen-Demo

Kiras erster Klimastreik ist ein kleines persönliches Statement. Es ist Frühling 2019, sie steht kurz vor dem Abitur. Während ihre Freundinnen für die Prüfungen lernen, fährt sie allein nach Münster, um an einem Fridays-for-Future-Streik teilzunehmen. An vorherigen Demonstrationen konnte Kira selbst nicht teilnehmen, weil sie freitags immer ihren Leistungskurs hatte. „Ich wollte endlich mal hin, auch wenn niemand mitkam“, erinnert sie sich.
Nach dem Abitur geht sie für ein Jahr nach Irland für einen Freiwilligendienst in der Wohnungslosenhilfe in Cork. Ihr Vertrag verbot ihr es offiziell, an Demonstrationen teilzunehmen. Trotzdem verlegte Kira eine Mittagspause so, dass sie kurz bei einem der großen globalen Klimastreiks dabei sein konnte. In Cork versammeln sich damals noch 100 bis 200 Menschen. Als die Corona-Pandemie ausbricht, werden alle Freiwilligen des Programms zurück nach Deutschland beordert. Kira entscheidet sich, zu bleiben, kündigt ihren Vertrag beim Bundesfreiwilligendienst und arbeitet weiter bei der NGO vor Ort.
Im Sommer 2020 kehrt sie zurück nach Deutschland, zieht nach Fulda und beginnt ihren Bachelor in Sozialwissenschaften: „Ich bin donnerstags umgezogen und hatte davor schon Fridays for Future Fulda auf Instagram gefolgt, weil ich unbedingt dort mitmachen wollte. Ich habe dann gesehen, dass sie direkt an dem Freitag so ein offenes Treffen für neue Leute angeboten haben. Da bin ich hin. Ich war also ungefähr einen Tag in Fulda und schon bei Fridays for Future dabei.”
Protest als Routine
„Wir haben im Sommer 2021 wirklich fast jede Woche gestreikt. Zehn Wochen lang, immer freitags, direkt dem Rathaus Fulda. Nur einmal ist es ausgefallen – da war ich im Urlaub.“ Auch wenn es nicht jedes Mal große Märsche mit Lautsprecherwagen waren, bedeutete jeder Streik Vorbereitung: Demo anmelden (zum Glück online), einen Post für Instagram entwerfen, neue Schilder malen, nach der Aktion wieder posten, Menschen mobilisieren.
Größere Demos erforderten natürlich mehr Planung. „Wenn wir hunderte Leute mobilisieren wollten, haben wir manchmal ein oder zwei Monate im Voraus angefangen.“ Plakate, Bühne, Technik, Redner*innen – all das muss organisiert, getragen und bezahlt werden. Doch Kira erinnert sich auch an Momente, in denen es ganz schnell ging: „Als Beatrix von Storch nach Fulda kam, haben wir in fünf Tagen zu zweit eine Demo gegen Rechts mit 500 Leuten auf die Beine gestellt.“
Aktivismus als Vollzeitjob

Kira ist heute 25, lebt in Berlin und studiert im Master Gender, Intersektionalität und Politik. Bei Fridays For Future Berlin übernimmt sie als Teil der Vernetzungs-AG zentrale Aufgaben wie Koordination, E-Mails, Strategieentwicklung. In der Arbeitsgruppe geht es hauptsächlich um die Kooperationen mit anderen Organisationen und Projekten. Manchmal steckt sie 20 Stunden pro Woche in Aktionen und Plenumsarbeit: „Es gibt Phasen, da fühlt es sich an wie ein Vollzeitjob.“ Trotzdem bleibt sie dabei.
Bei Fridays For Future in Berlin gibt es keine Vereinsstruktur, Mitgliedsbeiträge oder festen Hierarchien. Entscheidungen werden im Plenum getroffen, etwa wenn es darum geht, ob Fridays for Future Berlin eine neue Kampagne wie den Berliner Baumentscheid unterstützen soll. Dann bringt die Vernetzungs-AG bzw. Kira als Koordinatorin die Anfrage ins Plenum, stellt den Kontext vor, es wird diskutiert und abgestimmt.
„Gerade machen wir eine Art Demopause“, erzählt sie, „und wir kümmern uns um unsere Zukunftsplanung: Was wollen wir machen, wie wollen wir uns strukturieren?” In kleinen Gruppen brainstormt das Plenum dazu, wie sich die Mobilisierungsarbeit effektiver gestalten lässt oder wie man Engagierte entlasten kann, zum Beispiel bei Aufgaben wie dem Plakateaufhängen, die oft zu kurz kommen.
Neben dem Plenum strukturieren sich die Aktiven in thematischen AGs – von Social Media über Presse bis hin zu Logistik und Technik. Sie arbeiten ehrenamtlich, neben Job, Studium oder Ausbildung. Technik, Bühnen, Plakate oder Banner werden durch Spenden finanziert. „Früher wurde vor allem bei Streiks viel gespendet. Heute müssen wir aktiver um Unterstützung werben“, erklärt sie. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge oder zentrale Finanzierung. Stattdessen sammeln Freiwillige bei Demos Bargeld in Eimern oder starten Spendenkampagnen für konkrete Anlässe.
Der Klimawandel ist für viele nicht greifbar
Warum ist das Interesse an Klimaschutz gesunken, obwohl sich die Krise verschärft? Viele Ortsgruppen, die sich seit 2019 deutschlandweit gegründet haben, gibt es schon längst nicht mehr. Auch Kira kennt einige ehemalige Aktivist*innen, die aufgehört haben, sich für den Klimaschutz zu engagieren – sie haben einfach nicht mehr die Kapazitäten, sich darauf zu konzentrieren. „Meine Vermutung ist, dass es an den vielen verschiedenen Krisen liegt. Für mich hat es sich immer so angefühlt, als wäre die Klimakrise das Einzige, was nicht vorangeht bzw. wo wir wirklich Rückschritte machen, während in anderen Bereichen wie Rassismus, Feminismus oder Queerfeindlichkeit Fortschritte gemacht wurden. Durch Rechtsruck und Faschismus ist es jetzt für alle Menschen, vor allem auch in meiner Generation, ersichtlich, dass überall Rückschritte gemacht werden, weshalb das Klima nicht mehr so heraussticht.”
Die Klimakrise werde als abstrakt und wenig greifbar wahrgenommen – vor allem im Vergleich zu anderen Bedrohungen. Das zeigt auch das Beispiel der beiden älteren Damen, die zwar begriffen haben, dass es den Klimawandel gibt, aber nicht dafür bereit sind, dafür auf etwas verzichten: „Ich verstehe auch, dass man sich natürlich viel mehr Sorgen um Probleme macht, die einen gerade direkt betreffen, und weniger um eine Krise, die mich eventuell irgendwann betreffen könnte, von der zurzeit aber eher die Menschen im globalen Süden etwas zu spüren bekommen. Diese Krise ist für viele einfach noch nicht greifbar und zu komplex“.
Umweltbewusst leben

Kira lebt klimaschonend: Sie ist seit 2019 vegan. Schon davor ernährte sie sich vegetarisch – der Auslöser für die Ernährungsumstellung war ein Tiertransporter, den sie auf dem Weg zur Schule sah. Auf das Auto verzichtet sie, obwohl sie einen Führerschein gemacht hat. Sie nutzt den öffentlichen Nahverkehr und für Reisen fährt sie Zug oder Fernbus. So ist sie auch schon mit 24 Stunden mit dem Flixbus nach Barcelona gefahren. „Mittlerweile habe ich einen Nebenjob und ein bisschen mehr Geld, jetzt mache ich meistens Interrail-Reisen oder gönne mir auch mal einen Nachtzug, zum Beispiel nach Paris.”
Solche bewussten Entscheidungen trifft sie aus Überzeugung, aber ohne sich zu überfordern oder moralische Maßstäbe an andere zu richten. Sie weiß, dass individuelle Konsumentscheidungen allein die Klimakrise nicht aufhalten werden: „Ich versuche so gut wie möglich darauf zu achten, nachhaltig zu leben. Aber ich kaufe auch mal das teure vegane Sushi, obwohl es in Plastik verpackt ist, oder Produkte mit Palmöl. Ich erinnere mich jedes Mal daran, dass das zwar nicht gut ist, sich diese Krise aber nicht auf individueller Ebene lösen lassen wird.”