Miriam Fink ist 24 Jahre alt und studiert Geoökologie in Karlsruhe. Bei Fridays for Future Karlsruhe kämpft sie für Klimagerechtigkeit, daneben singt und tanzt sie gerne. Wir haben mit ihr über ihren Aktivismus, die Zukunft der Bewegung und das Ende der Ära Kretschmann gesprochen.
Mission Morgen: Du bist in der Karlsruher Ortsgruppe von Fridays for Future aktiv. Wie lange schon?
Miriam Fink: Seit 2021, also schon seit 4 Jahren.
Wird man in 4 Jahren Aktivismus zynisch?
Manchmal ja, dann ist man ein bisschen verzweifelt: Wir machen jetzt schon so lange Aktivismus und haben immer noch nicht diese Veränderung, die wir uns gewünscht haben. Klar, das Thema ist viel präsenter, als es vor 2019 war, aber wir haben noch lange nicht so viel geschafft, wie wir eigentlich müssten. Auf der anderen Seite bringt es halt auch nichts, wir müssen irgendwie weitermachen und an der Hoffnung festhalten.
Wie sieht eure Arbeit in Karlsruhe konkret aus?
Natürlich organisieren wir die Demos zu den globalen Klimastreiks, die ja meistens im März und September sind, aber auch zwischendurch gerne weitere Demos, wenn wir einen Anlass sehen. Außerdem machen wir lokale Kampagnenarbeit, etwa zu einer autofreien Fahrradstraße oder zur Fernwärme, die in Karlsruhe durch die Abwärme eines Kohlekraftwerks gespeist wird. Ansonsten haben wir vor der Bundestagswahl auch viel bei den Demokratiedemos mitgeholfen, aber auch Anfang letzten Jahres, als Reaktion auf das Geheimtreffen in Potsdam. Da gab es eine Demo in Karlsruhe, bei der 25000 Leute waren.
Hat sich in deinen vier Jahren intern viel verändert?
Wir sind leider weniger geworden, das ist schade. Der Aktivismus braucht einfach viel Zeit und Kapazitäten und das hat eben nicht für alle gepasst. Es sind jetzt aber auch wieder einige neue Leute dabei.
Es ist öffentlich relativ leise um Fridays for Future geworden. Woran liegt das?
Es ist ganz normal, dass eine Bewegung, die am Anfang so ein krasses Hoch hat, wie wir 2019 mit diesen riesigen Demos, dieses Hoch nicht die ganze Zeit so halten kann. Das war noch nie so. Und dann ist natürlich mit Corona und den Kriegen einfach der Fokus weggegangen vom Klima. Klar, das sind alles auch wichtige Themen, aber das Klima bleibt deshalb nicht weniger wichtig. Aber es ist eben so, Menschen haben in ihrem Kopf einfach keine Kapazitäten für viele Krisen. Und da bei uns weniger Leute dabei sind, haben auch wir weniger Kapazitäten, um große Projekte umzusetzen.
Habt ihr Ideen, wie ihr die Klimakrise und auch euch wieder mehr ins Gespräch bringen könnt?
Wir probieren zum Beispiel neue Formate aus. Am 20. September wird es einen großen Streik geben, nicht nur von Fridays for Future Global, sondern auch von anderen Umweltorganisationen auf der ganzen Welt. Das ist ein Samstag, das heißt, wir bewegen uns ein bisschen weg vom Freitag und schauen mal, ob vielleicht samstags mehr Leute zu Demos kommen und versuchen so, frischen Wind reinzubringen. Wir in Karlsruhe machen wie gesagt auch viel Kampagnenarbeit, versuchen also auch, neben den zwei großen Streiks im Jahr auf andere Weise Dinge zu verändern.
Ihr seid ziemlich exklusiv auf das Klima fokussiert, wo die Gesamtheit der ökologischen Krisen doch darüber hinausgeht. Warum?
Ich denke, es gibt zwei große ökologische Krisen: Zum einen die Klimakrise und zum anderen die Biodiversitätskrise, die natürlich auch miteinander verschränkt und voneinander abhängig sind. Es ist nur so, wenn wir das Klima nicht in den Griff kriegen, dann kriegen wir auch alles andere nicht in den Griff, weil die Klimakrise unser Leben so stark verändern wird.
Zumal das Klima auch ein massiver Faktor für die Biodiversität ist. Ihr bleibt also bei diesem Thema, auch wenn der Trend in eine andere Richtung zu deuten scheint? Die ‘Letzte Generation’ heißt jetzt ‘Neue Generation’ und hat sich programmatisch breiter aufgestellt. Greta Thunberg macht mit ihren Pro-Palästina-Aktionen auf sich aufmerksam.
Wir sind eine Klimagerechtigkeitsbewegung und bleiben das auch auf jeden Fall. Kürzlich gab es aber zum Beispiel ein Statement zum Nahost-Konflikt von Fridays for Future Deutschland, weil wir das bei der aktuellen Politik der Bundesregierung für unausweichlich gehalten haben. Wir bleiben aber generell bei der Klimagerechtigkeit und äußern uns eben gelegentlich zu anderen Dingen, die unvermeidbar sind.
Die ‘Neue Generation’ formuliert eine klare Systemkritik. Fridays for Future traut sich das oft nicht. Warum?
Ich glaube, zum einen liegt es daran, dass es innerhalb von Fridays for Future sehr unterschiedliche Auffassungen gibt, wie genau die Klimakrise bekämpft werden soll, inwiefern das in dem aktuellen System geht, inwiefern das System sehr arg umgekrempelt werden muss. Und wir wollen auch anschlussfähig bleiben für viele Leute, die sich Klimagerechtigkeit wünschen, aber vielleicht nicht direkt Antikapitalist*innen sind und trotzdem sehen, dass die Regierung viel zu wenig für Klimagerechtigkeit tut.
Wobei man ja nicht die Abschaffung des Kapitalismus fordern muss, um das System zu kritisieren.
Natürlich. Aber ich würde schon sagen, dass Fridays for Future sich nicht ganz unkritisch äußert. Wie fundamental das ist, unterscheidet sich aber eben stark, weil wir nun einmal ein Zusammenschluss aus ganz vielen unterschiedlichen Ortsgruppen sind und die Bundesebene dementsprechend recht neutral bleibt, denke ich.

Was sind 2025 eure wichtigsten Forderungen?
Für die ersten 100 Tage der Bundesregierung haben wir Forderungen gestellt. Zum einen, die Sektorziele wieder einzuführen: Es gibt im Klimaschutzgesetz für jeden Sektor Ziele, die in der letzten Legislaturperiode, unter anderem wegen der FDP, sehr aufgeweicht wurden. Außerdem fordern wir einen verbindlichen Plan für den Gasausstieg 2035 und Sofortprogramme für den Gebäude- und Verkehrssektor, weil das die zwei problematischsten Sektoren sind, die am wenigsten einsparen, da muss auf jeden Fall gegengesteuert werden. Und unsere großen Forderungen wie Klimaneutralität bis 2035 (= die Menge an emittierten Treibhausgasen übersteigt die Menge der natürlich und künstlich gebundenen nicht; Anm. d. Red.) und Kohleausstieg bis 2030 bleiben natürlich unverändert.
Was sind die größten bisherigen Erfolge von Fridays for Future, in Karlsruhe und bundesweit?
Ein sehr großer Erfolg ist die Klimaklage, die wir 2021 gewonnen haben. Bei der hat uns das Bundesverfassungsgericht bescheinigt, das ja auch hier in Karlsruhe ist, dass die Klimapolitik der Bundesregierung nicht vereinbar ist mit dem Grundgesetz und dass sie da nachbessern müssen. Das wurde dann auch gemacht, also ist alles, was daraufhin passiert ist, auf jeden Fall ein sehr wichtiger Erfolg. In Karlsruhe haben wir erreicht, dass von der Stadt der Klimanotstand ausgerufen wurde und deshalb jetzt jede Entscheidung auf die CO2 Auswirkungen überprüft werden muss. Das ist sicher ein wichtiger Erfolg.
Schauen wir zum Schluss noch auf die Landespolitik in Baden-Württemberg. Bald endet Winfried Kretschmanns 3. Amtszeit als Ministerpräsident. Wie blickt ihr als Fridays for Future in Karlsruhe auf seine Regierungszeit?
Ich muss gestehen, dass ich keine Expertin für Landespolitik bin. Aber für mich ist Kretschmann ein CDU-Grüner. Der hat zu Coronazeiten noch mal gefordert, die Abwrackprämie zurückzuholen, was halt für einen Grünen überhaupt gar nicht geht und in der aktuellen Zeit ein No-Go ist. Das hat dann zwar nicht geklappt, aber allein schon die Forderung finde ich skandalös. Also ich muss sagen, ich trauere ihm nicht sehr nach.
Wen wünscht ihr euch in Baden Württemberg nach Kretschmann?
Hoffentlich wird es jemand, der Klimaschutz ernster nimmt und weniger nah an der Autoindustrie ist. Eine neue Person, die frischen Wind reinbringt, Klimaschutz ernst nimmt und gescheite Maßnahmen umsetzt.
Hältst du das für realistisch?
Es ist schwer in der aktuellen Zeit. Wir sind auf jeden Fall schon dabei, das Thema wieder präsent zu machen vor den nächsten Wahlen und diese Wahl zu einer Klimawahl zu machen. Dafür geben wir mit unserer Arbeit auf Landesebene alles, ich bin da wie gesagt nicht so involviert, aber andere Leute sind bei diesem Thema sehr aktiv. Letztlich halten wir an unseren Forderungen fest, machen weiter Druck und hoffen, dass langsam auch zur Politik durchsickert, dass wir tatsächlich ein Problem haben und was tun müssen.