Die 2-Grad-Falle: Warum wir Klimapolitik falsch framen

Politiker*innen und Wissenschaftler*innen sind sich nicht immer einig. Das ist bekannt. Gerade in der Klimapolitik könnte dies aber katastrophale Auswirkungen haben. Unsere Autorin zeigt, warum ein 2-Grad-Ziel eher als kritische Schwelle definiert werden müsste und wieso das richtige Framing so wichtig ist.

Wenn über Klimapolitik geredet wird, kommt oft das 2-Grad-Klimaziel vor. Ziele suggerieren den Menschen Sicherheit. Ein Ziel gibt Menschen ein Gefühl von Beherrschbarkeit. Dass es ein Ziel ist, ist allerdings falsch.

„[Die Klimapolitik] muss sich am 2-Grad-Ziel orientieren.“ Sätze wie diese hören viele Bürger*innen von Politiker*innen wie Anton Hofreiter (Grüne) ständig. Oder Dietmar Brockes im Landtag von NRW (2013): „Das 2-Grad-Ziel, das bis zum Jahr 2050 gerechnet wird, ist nur ein Wahrscheinlichkeitsziel.“ Doch dieses Wording ist gefährlich. Ein Ziel ist normalerweise etwas Erstrebenswertes, ein Punkt, an dem wir ankommen möchten. Die 2-Grad-Marke hingegen ist kein Ziel – sie ist eine rote Linie, die wir unter keinen Umständen überschreiten dürfen. 

Warum wir aufhören müssen, von „Zielen“ zu sprechen

Das Gefühl der Dringlichkeit sinkt dadurch, dass ein Limit nicht als eine harte Linie erkennbar ist, sondern als ein erstrebenswertes Ziel. Diese falsche Geborgenheit lässt den Klimawandel als weniger bedrohlich erscheinen, was das politische und gesellschaftliche Handeln bremst. Zusätzlich wird durch die Fixierung auf einen fernen Endpunkt oft die Notwendigkeit sofortiger, Maßnahmen vergessen, die das Erreichen der Schwelle verhindern können.

Die Entstehung einer roten Linie: eine Zeitreise

Historisch kam die 2-Grad-Grenze erstmals 1975 durch den Klimaökonomen William D. Nordhaus auf. Er empfahl sie als Limit, um die Erwärmung innerhalb natürlicher Schwankungsbreiten zu halten. Obwohl er selbst an der Erreichbarkeit zweifelte, veröffentlichte er 1977 die Warnung, dass dieses Limit bereits 2040 überschritten werden könnte.

Wissenschaftlich untermauert wurde seine Einschätzung 1980 durch arktische Eisbohrkerne: Diese zeigten, dass die globalen Temperaturen in den letzten 100.000 Jahren nie um mehr als 2 Grad gestiegen waren. Trotz dieser Validierung blieb das Ziel politisch umstritten. Während die AdvisoryGroup on Greenhouse Gases (AGGG) 1990 vor erheblichen ökologischen Risiken warnte, blieb der Erdgipfel in Rio (1992) vage und forderte lediglich, eine „gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems“ zu verhindern – noch ohne konkrete Zahlen.

Der entscheidende Wendepunkt kam nach der Berliner Klimakonferenz 1995 durch Hans Joachim Schellnhuber. Er argumentierte, dass ein Anstieg um zwei Grad bei der damaligen Durchschnittstemperatur von 15,3 Grad einen ausreichenden Puffer böte. Sein Engagement überzeugte die deutsche Regierung, woraufhin die EU 1996 die zwei Grad als offizielles Ziel übernahm.

Sprachliche Täuschung

Framing ist eine Voreingenommenheit, die Entscheidungen beeinflusst, je nachdem, ob Informationen positiv oder negativ dargestellt werden. Bei Klimavorschriften kann man es positiv darstellen, indem es als Ziel betitelt wird. Umgekehrt kann es auch negativ dargestellt werden, als drohender Verlust beim Überschreiten der 2-Grad-Grenze. Die Wortwahl ist daher oft irreführend. Es wäre realistischer, über kritische Schwellen zu sprechen, die wir nicht überschreiten sollten.

Ein weiterer Punkt ist, dass die Formulierung „Zielsetzung“ einem das Gefühl gibt, dass der Klimawandel und seine Folgen vollständig unter menschlicher Kontrolle stehen. Dem ist aber nicht so. Beim Überschreiten bestimmter Schwellenwerte kann eine Kettenreaktion ausgelöst werden, bei der stufenweise weitere und oft stärkere Auswirkungen ausgelöst werden. Das kann dazu führen, dass sich die Erderwärmung unkontrollierbar beschleunigt.

Das bittere Rechenbeispiel: Warum jedes Zehntelgrad zählt

Vergleicht man die statistischen Auswirkungen von 1,5 und 2,0 Grad, wird deutlich: Zwei Grad sind kein Verhandlungsspielraum, sondern eine gefährliche rote Linie, hinter der die Folgen exponentiell eskalieren.

Wenn wir jetzt auf den Sommer schauen, erwarten viele bereits wieder, die 30 Grad zu knacken, andere schauen darauf mit Bauchschmerzen. Wenn wir die 1,5 Grad überschreiten, dann gibt es eine deutliche Zunahme der Hitzetage, die über 30 Grad liegen. Jedes zweite Jahr soll es dann extrem heiß werden. Beim Überschreiten der zwei Grad soll es eine massive Zunahme geben. Neun von zehn Jahren sollen extrem heiß werden. Das heißt hier ebenfalls wieder: mindestens über 30 Grad. Nicht nur die Hitzetage werden mehr, auch die Dürremonate nehmen zu. 2,6 Monate im Jahr wird Dürre herrschen, wenn wir die 1,5 Grad überschreiten. Beim Überschreiten der zwei Grad wird es 2,8 Monate im Jahr dürr sein. Nicht nur die Hitze steigt, sondern auch Hochwasser. Das Hochwasserrisiko soll sich beim Überschreiten der 1,5 Grad verdoppeln, während es sich beim Überschreiten der zwei Grad noch deutlicher um 170 Prozent steigert. Das bedeutet: Erfahrungen, die Menschen mit dem Ahrtal gemacht haben, werden sich häufen und regelmäßiger passieren. Durch Hitze, Dürre und Hochwässer wird es Ertragsbußen beim Weizen geben. Diese Einbußen sind bei 1,5 Grad noch moderat und regional unterschiedlich, wobei die Einbußen bei zwei Grad bereits ein Viertel betragen. Die volkswirtschaftlichen Kosten steigen bei 1,5 Grad, und es gibt vor allem steigende Anpassungskosten, wobei es bei 2,0 Grad bis 2050 bis zu 900 Milliarden Euro Schäden geben wird.

Das sind die statistischen Folgen, die Deutschland sehr stark betreffen. Die Auswirkungen sind international größer. Die extremen Hitzewellen werden nicht nur in Deutschland vermehrt wahrgenommen, sondern ebenfalls international. Circa 14 Prozent der Weltbevölkerung werden extremen Hitzewellen regelmäßig ausgesetzt sein, wenn die Erderwärmung auf 1,5 Grad steigt. Wenn die zwei Grad erreicht werden, verdoppelt sich das Ganze nicht nur, sondern es mehr als verdreifacht sich. Bei zwei Grad wird circa 37 Prozent der Weltbevölkerung regelmäßigen Hitzewellen ausgesetzt sein. Das Hochwasserrisiko steigt international ebenfalls und bewegt sich auf einem ähnlichen Level wie in Deutschland. Bei 1,5 Grad verdoppelt es sich, bei zwei Grad steigt es um 170 Prozent im Vergleich zu heute. Aber nur weil es Hochwässer geben wird, heißt das nicht, dass es keinen Wassermangel geben wird. Durch das Überschreiten der 1,5 Grad werden 50 Millionen Menschen von Wassermangel betroffen sein. Das wiederum verachtfacht sich auf 410 Millionen betroffene Menschen beim Überschreiten der zwei Grad. Nicht nur Menschen sind von den Klimaereignissen betroffen, sondern auch Tiere und Pflanzen. Sechs Prozent der Insekten werden beim Überschreiten der 1,5 Grad aussterben, das verdreifacht sich auf 18 Prozent beim Überschreiten der zwei Grad. Bei Pflanzen ist dies ähnlich: Bei 1,5 Grad Erderwärmung sind acht Prozent vom Aussterben betroffen, wobei es sich bei zwei Grad auf 16 Prozent verdoppelt.

Die Grenze als Maßstab, nicht als Orientierungshilfe

Das 2-Grad-Ziel ist kein Ziel. Es ist eine Grenze. Dies sollten Politik und Medien genauso kommunizieren. Svenja Schulze (SPD) tut dies schon. Sie sagt im Landtag NRW als Ministerin (2016): „Aber […] dieses 2-Grad-Ziel, das ist kein Minimalziel; es bedeutet nicht, dass wir mindestens 2 Grad Klimaerwärmung erreichen wollen, sondern es ist ein Maximalziel. – Ist Ihnen das klar?“ 

Nur durch eine präzise Kommunikation können Entscheidungstragende und die Öffentlichkeit dazu bewegt werden, proaktive und strenge Maßnahmen zu ergreifen, statt nur zu versuchen, „innerhalb der Grenze“ zu bleiben. Sich dabei vor Augen zu halten, wann welche Kipppunkte erreicht werden, ist sehr wichtig, denn aktuell sieht es so aus, als würden wir alle Klimaziele oder Klimagrenzen, die wir uns gesetzt haben, nicht einhalten können. Wir steuern laut Prognosen auf 2,6 bis 2,8 Grad zu. Welche Folgen Hitze, Wassermangel und Hochwasser dann haben, lässt sich statistisch ableiten: Wenn schon der halbe Grad zwischen 1,5 und zwei die Schäden vervielfacht, wird jedes weitere Zehntelgrad die Lebensbedingungen auf der Erde radikal verschärfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert