Warum indigene Völker mehr fürs Klima tun als so mancher Politiker und was wir von ihnen lernen können.
Vogelgezwitscher verschmilzt mit dem rhythmischen Schlagen von Holz auf Holz. Gesang und Gelächter hallt durch die Wipfel der Urwälder Palawans. Auf einer Lichtung tanzen, mit roten Lendenschurzen bekleidet, die Tanabag Batak. Vor rund 50.000 Jahren ließ sich das Volk auf dem Philippinischen Archipel nieder – seither ist es ihr Zuhause. Als fünftgrößte Provinz der Philippinen hat Palawan nicht nur am meisten Wald, sondern auch eine Artenvielfalt, so groß und bunt, wie man es sich nur vorstellen kann. Viele der hier lebenden Spezies sind endemisch, sie existieren nirgendwo sonst auf der Welt. Wie so viele indigene Völker sind die Tanabag Batak auf ihre Umwelt angewiesen – und wissen sie bestens zu schützen und zu erhalten. Doch ihr Lebensraum schwindet.
Ein globales Problem, das ungleich trifft
Die letzten zehn Jahre waren die heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnung – Tendenz steigend. Hier in Deutschland freut man sich, bereits Anfang März bei T-Shirt-Wetter im Park sitzen zu können. Zwar kämpfen Landwirte mit Ernteausfällen, doch Hunger müssen wir nicht befürchten. Ein Privileg, das dazu verleitet, den Klimawandel als nicht ganz so dringlich anzusehen.
Aber der Klimawandel ist sehr wohl ein Problem und trifft dabei häufig die am härtesten, die ihn am wenigsten vorantreiben. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster und immer stärkere Extreme lassen sich für naturverbundenere Völker oft nicht so einfach abfangen. Fischfang und Ackerbau werden unberechenbarer. Es kommt zu Wassermangel und sich ausbreitenden Krankheiten. Unter anderem deswegen bleibt vielen nichts anderes übrig, als sich in wirtschaftliche Abhängigkeiten zu begeben, Handel zu treiben und Beziehungen zu Regierungen aufzubauen – oft zu Bedingungen, die ihnen wenig Spielraum lassen.
Nicht gegen, sondern mit der Natur
Dabei könnten indigene Gemeinschaften, wie die Tanabag Batak, einen entscheidenden Beitrag zum Schutz des Klimas und der Biodiversität leisten. Hinzu kommt, dass viele indigene Völker eine tief verwurzelte, oft spirituelle Verbindung zur Natur haben. Beispielsweise glauben die Tanabag Batak an mystische Wesen, welche für verschiedene Bäume zuständig sind und Pollen für die Bienen, Harz und Medizin bereitstellen. Ihnen gehören die Ressourcen nicht, entsprechend achtsam muss das Volk mit ihnen umgehen. Ihr Ziel ist es nicht, die Natur zu beherrschen, sondern im Einklang mit ihr zu leben. Würde die westliche Welt einen ähnlichen Maßstab anlegen – wer weiß, vielleicht wäre der Schutz unserer Umwelt dann nicht nur eine Notwendigkeit, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Indigene Gebiete bedecken etwa 22 % der weltweiten Landfläche – und bewahren dabei rund 80 % der globalen Biodiversität. Studien zeigen, dass ihre Ökosysteme oft stabiler und gesünder sind als staatlich verwaltete Schutzgebiete. Zum Vergleich: Der gesamte afrikanische Kontinent nimmt rund 21 % der weltweiten Landfläche ein. Man sollte meinen, dass der internationalen Gemeinschaft allein aufgrund der Größe der Gebiete etwas daran liegt, mit indigenen Völkern zusammenzuarbeiten. Zwar werden häufig Beschlüsse verabschiedet, um die Natur in den Reservaten zu schützen, die Kulturen der Ansässigen werden dabei aber oft ignoriert.
Indigene Völker könnten sich mit ihrem Wissen maßgeblich am Umweltschutz beteiligen.
Die Ekuri aus Nigerien nahmen das Problem selbst in die Hand. Um ihre Interessen auf Regierungsebene zu vertreten, haben sie eine NGO gegründet. Denn auch für die indigenen Völker in Nigeria gilt: nicht gefragt, nicht vertreten. Mithilfe ihrer Organisation setzt sich die Gemeinschaft für den Erhalt der Wälder, den Schutz der Biodiversität und ein nachhaltiges Ressourcenmanagement ein – und das mit Erfolg. Doch obwohl ihnen per Gesetz Unterstützung zugesichert wurde, bleiben sie mit den Herausforderungen allein: Illegale Abholzung frisst sich durch das Land, rücksichtsloser Rohstoffabbau laugt die Böden aus, und in den verschmutzten Flüssen sterben die Fische. Doch die Ekuri kämpfen. Sie setzen auf Umweltbildung, Umweltschutz, friedlichen Protest und juristische Schritte, um ihr Land und ihre Zukunft zu verteidigen. 2008 rief die UN das UN-REDD-Programm ins Leben, um Entwicklungsländer dabei zu unterstützen, Emissionen aus Waldzerstörung zu reduzieren. In der Praxis bleibt die Beteiligung indigener Gemeinschaften oft eine bloße Formalität. Ihre Vertreter sitzen weder im UN-REDD-Board noch an den Verhandlungstischen, an denen über ihre Heimat entschieden wird.
Auch die Tanabag Batak aus den Philippinen müssen sich einigen Herausforderungen stellen. Der zunehmende Einwanderungsdruck auf die Küstengebiete zwang die Tanabag Batak dazu, sich immer weiter ins Landesinnere zurückzuziehen. Ein Bevölkerungsrückgang ist die Folge. Traditionelle Praktiken wie Kaingin, auch „slash-and-burn“-Praktik genannt, werden durch Philipino Gesetze eingeschränkt. Bei der Kaingin Praktik werden Gebiete gezielt abgebrannt und immer in Rotation bebaut. Nach einigen Jahren hat sich der Boden wieder regeneriert und beherbergt viele wichtige Nährstoffe. Da hauptsächlich Waldflächen gerodet werden und es zu Bodenersosion und -ermüdung kommen kann, ist die Methode umstritten. Studien belegen allerdings, dass sie, besonders im Vergleich zu industriellen Anbaumethoden, ertragreicher und nachhaltiger ist.

Ein Hektar Feld, welches von den Tanabag Batak bewirtschaftet wird, liefert so viele Erträge wie ein technologisch optimiertes Feld in den 1960er-Jahren1 – mit einem entscheidenden Unterschied: Ihr Land regeneriert sich vollständig, ohne chemische Eingriffe und ohne langfristige Schäden.
Würde die Politik anfangen, aktiv indigene Völker bei klimapolitischen Fragen und Entscheidungen einzubeziehen, könnten neue Ergebnisse zu nachhaltigen Methoden in der Land- und Forstwirtschaft entstehen.
Ausschluss mit System
Viele indigene Völker sehen sich staatlichen Einschränkungen ausgesetzt. Dabei könnten sie eine entscheidende Rolle im Klimaschutz spielen – wenn man ihnen nur die Kontrolle über ihr eigenes Land zugestehen würde. Ihre nachhaltigen Praktiken zu fördern, ihr Wissen anzuerkennen und sie aktiv in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, wäre ein längst überfälliger Schritt. Partizipative Entscheidungsfindung, finanzielle Unterstützung oder der Schutz traditioneller Anbaumethoden – es gäbe viele Wege, ihre Lebensweise nicht nur zu respektieren, sondern auch als wertvolle Ressource für eine nachhaltigere Zukunft zu begreifen.
Trotzdem wird ihnen ihre Stimme oft abgesprochen. Woran genau das liegt, ist nicht klar zu sagen. Vielleicht, weil ihr Lebensstil nicht in westliche Wachstumsmodelle passt. Weil nachhaltiges Wirtschaften weniger Profit verspricht als Raubbau. Oder schlicht, weil sie als Relikte einer „primitiven“ Vergangenheit abgetan werden. Der amerikanische Präsident Donald Trump hat diese Missachtung erst jüngst wieder bewiesen: Angehörige indigener Stämme geraten zunehmend ins Visier von Razzien und Ermittlungen der Immigrationsbehörde – während ihre angestammten Gebiete immer öfter für den Kohleabbau weichen sollen.
Um für das Mitspracherecht der indigenen Völker zu kämpfen, probieren die COP 16 (die UN-Biodiversitätskonferenz, welche 2024 in Kolumbien stattfand), wie auch die internationale Klimaschutzinitiative (IKI), im letzten Jahr die Rolle der indigenen Völker beim Klimaschutz, besonders zu betonen. Jedoch ist dies ein langjähriger Prozess. Es wird dauern, bis indigene Völker aktiv ein Mitspracherecht bei Klimafragen haben. Ein Schritt zur Unterstützung der Gemeinschaften ist der Cali-Fonds, der auf der COP16 ins Leben gerufen wurde. Seitdem sind große Unternehmen verpflichtet, einen Teil ihres Umsatzes in den Fonds einzuzahlen, wenn sie genetische Ressourcen von Tieren und Pflanzen aus anderen Ländern nutzen oder sich das traditionelle Wissen indigener Völker zunutze machen. Mindestens die Hälfte dieser Einnahmen soll direkt an die indigenen Völker gehen. Klimawandel-Workshops in den jeweiligen Reservaten wären eine weitere Möglichkeit, das Wissen der Einheimischen weiterzugeben. Die Erträge aus diesen Initiativen könnten genutzt werden, um Klimafonds aufzubauen und Daten zu sammeln, die für zukünftige Projekte von entscheidender Bedeutung sind.

Während die westliche Welt noch auf Klimaschutz durch Technologie hofft, bewahren indigene Völker längst das, was allen nützt – doch wer hört ihnen zu? Vielleicht wird eines Tages nicht nur ihr Wissen geschätzt, sondern auch ihre Stimme gehört. Bis dahin bleibt nur die Hoffnung, dass wir nicht erst handeln, wenn es längst zu spät ist.
1 https://www.iccaconsortium.org/wp-content/uploads/2018/04/KABATAKAN-IT-TANABAG.pdf, S.15f
Co-Autorinnen: Alana Oppermann, Felicia Seiffert