Gemüse aus der Wüste?

An einem der unwirtlichsten Orte der Welt, wo Temperaturen fünfzig Grad Celsius überschreiten, wo es fast nie regnet und konventionelle Landwirtschaft unmöglich ist, gelingt dem sahrauischen Agraringenieur Taleb Brahim das scheinbar Unfassbare: Er baut frisches Gemüse und Tierfutter an. Er ist gezwungen, sich an die Realitäten der Vertreibung durch die marokkanische Besatzung sowie die extremen klimatischen Bedingungen anzupassen. Also entwickelte er kostengünstige Systeme, die es den sahrauischen Geflüchteten ermöglichen, Nutzpflanzen inmitten der algerischen Sahara anzubauen. Angesichts des Klimawandels, der die traditionelle Landwirtschaft an ihre Grenzen bringt, stellt sich eine drängende Frage: Was, wenn einige der Lösungen für die Zukunft der Landwirtschaft bereits jetzt in einem Geflüchtetenlager entwickelt werden?

Ein Selfie eines Mann mit Brille, Bart und Turban in einem Auto.

Wir führen unser Gespräch, während Taleb Brahim mich aus den Geflüchtetenlagern anruft. Die Sahrauis leben hier schon seit fünfzig Jahren, fast sein gesamtes Leben, im südwestlichen Zipfel der algerischen Sahara. Es ist eine karge Wüste. Die Temperaturen im Sommer überschreiten fünfzig Grad Celsius und fallen unter den Gefrierpunkt im Winter. Starke Sandstürme sind an der Tagesordnung und sie schädigen Pflanzen und Vegetation. Es regnet fast nie und das Grundwasser ist erschöpft, was zu einer Knappheit an Bewässerungswasser führt. Der Boden ist erodiert und unfruchtbar, und enthält fast keine organische Bodensubstanz. Die klimatischen Bedingungen sind extrem hart und machen konventionelle Landwirtschaft schier unmöglich.

Von autarken Nomaden zu (Klima-)Flüchtlingen

Man könnte sich jetzt fragen: Warum bleibt man fünfzig Jahre in dieser unwirtlichen Wüste und bricht nicht zu einem neuen Ort auf, an dem die Lebensbedingungen besser sind? In diesem Artikel geht es auch um (Klima-)Gerechtigkeit. Die Sahrauis hatten keine Wahl: „Wir waren von der marokkanischen Besatzung gezwungen, aus unserer Heimat zu fliehen. Der einzige Ort, wo wir hinkonnten, war hier, einer der unwirtlichsten Orte der Welt“, erzählt Taleb Brahim. „Eigentlich waren wir Nomaden. Wir waren ein Volk, das den Wolken folgt, und wir weideten unser Vieh – Kamele, Ziegen, Schafe – dort, wo es regnete.“ 

Die Sahrauis waren ein autarkes Volk, das seine Bedürfnisse mit tierischen Erzeugnissen stillte. In den Geflüchtetenlagern war dies nicht länger möglich. Die Lebensweise, Tradition und Kultur, die alle vorherigen Generationen teilten und worauf ihre Identität fußte, konnten nicht länger fortgeführt werden. In völlige Abhängigkeit von Nahrungsmittelhilfe und Notfall-Lebensmittelpaketen gezwungen, stellte dies ihre Lebensweise vollständig auf den Kopf. 

Erfindergeist als Überlebensstrategie

Erste Versuche, konventionelle Landwirtschaft zu betreiben, scheiterten, da nicht genügend Wasser vorhanden war. Gleichzeitig wurde es immer dringlicher, die mangelhafte Ernährung mit Milchprodukten und Fleisch zu ergänzen, gerade für die vulnerabelsten Gruppen in der Gemeinschaft, Kinder und Schwangere. Allerdings konnte auch kein Tierfutter produziert werden, da nicht genügend Ressourcen wie ausreichend Wasser und Ackerland verfügbar war. 

Angesichts dieser Situation begann Taleb Brahim, der Agrarwissenschaften an der Universität Tishreen in Latakia, Westsyrien, studiert hat, über mögliche Lösungen nachzudenken. Wie könnte er ein System entwickeln, mit dem man genügend Grünfutter für seine Tiere produzieren kann, und das mit dem wenigen verfügbaren Wasser und Platz auskommt? Nachdem Taleb von einer High-Tech-Methode erfährt, mit der sich Grünfutter anbauen lässt, macht er sich daran, einen eigenen Prototypen aus günstigerem Material zu entwickeln. 

Vom Saatkorn zum Grasteppich 

Das Hauptprinzip dieses hydroponischen Prototyps besteht darin, Getreidekörner wie beispielsweise Gerste keimen zu lassen. „In einer Woche hast du gekeimte Körner mit Wurzeln und einem Pflanzenwachstum von fünfzehn bis zwanzig Zentimetern“, erklärt Taleb. Mit dieser Methode ist es möglich, aus einem Kilogramm Saatkorn zwölf Kilogramm Futter zu gewinnen. Die Körner werden zuerst 48 Stunden in Wasser eingeweicht und nachdem sie keimen, in Schalen platziert und dauerhaft feucht gehalten. Nach einer Woche ist so ein Grasteppich gewachsen, der an die Tiere verfüttert werden kann. Indem man sieben dieser Fächer gleichzeitig verwendet, hat man jeden Tag frisches Futter. Das Bewässerungswasser wird aufgefangen und wiederverwendet. 

Im Jahr 2016 bekam Taleb Besuch von einer Freundin, die für das World Food Programme in Algerien arbeitete. Das WFP war auf der Suche nach einem System, mit dem die sahrauischen Geflüchteten einen Teil ihres Bedarfs an frischen Lebensmitteln selbst decken könnten. Taleb nahm mit seiner Low-Tech-Anlage beim Wettbewerb „World Food Program Innovation Accelerator“ in Bayern teil – und gewann. Mit dem Preisgeld kaufte das WFP Algerien drei Hightech-hydroponische Anlagen, und gemeinsam entwickelten sie weitere Einheiten für die Menschen in den sahrauischen Lagern. Das Projekt „Hydroponics for the Production of Green Fodder, H2grow, wurde in mehr als zwanzig Ländern vorgestellt. Taleb schulte Personen aus Mali und Niger und später wurde diese Methode unter anderem in Libyen, Sudan, Uganda und Äthiopien eingeführt.

Und Taleb Brahim tüftelte mit weiteren hydroponischen Anbaumethoden. Eine dieser Methoden ist die Nährstoff-Film-Technik (NFT) um Pflanzen und Gemüse anzubauen. Dabei läuft eine Nährstofflösung in einem Rohr nach unten und umspült dabei die Wurzeln der Pflanzen, das Wasser wird aufgefangen und wiederverwendet. Die vielversprechende Methode ermöglichte es Taleb und seinem Team, die Anbausaison um zwei Monate zu verlängern, und die Vorzüge und Schwachstellen von Hydroponik kennenzulernen.

Inmitten einer Wüstenlandschaft zeigt ein Mann in Hemd, Jeans und Sonnenbrille auf eine große Metallkonstruktion, in der grüne Pflanzen wachsen.
Taleb Brahim neben der Konstruktion des „Food Dome“.

Pflanzenzucht mit Wüstensand und Aquaponik 

Die nächste Stufe dieser Anlagen war die der Sandponik. Ein fortgeschritteneres System, das auf Hydroponik basiert, aber Wüstensand benutzt, um die jungen Pflanzen und ihre empfindlichen Wurzeln gegen Winde, zu hohe Temperaturen und intensive Sonnenstrahlung zu schützen. Der Sand ist ein perfekter Nährboden für die Bakterien, die in dem beigesetzten Düngemittel die Nährstoffumwandlung vorantreiben. Das Wasser, das vom Sand nicht aufgesogen wird, kann wieder in einem unterirdischen Reservoir gesammelt werden. Diese Reservoirs regulieren zudem die Temperatur in den Einheiten. 

Die vorangegangenen Systeme entwickelte Taleb schließlich zum „Food Dome“ weiter. Dieser kombiniert zwei Systeme: Hydroponik und klassische Aquaponik. Die Nutzpflanzen werden in der hydroponischen Einheit auf Sand gepflanzt und mit einer Nährstofflösung aus einem integrierten Fischbecken bewässert . Die Pflanzen nehmen die Ausscheidungen der Fische als Düngemittel auf und reinigen so das Wasser. Das gereinigte Wasser wird anschließend wieder zurück in das Fischbecken geleitet. Das Obst und Gemüse wird auf Sandschalen rund um das Becken angebaut. Die Fischzucht in Aquakultur wird so mit dem erdlosen Anbau von Pflanzen in Hydroponik zu einem geschlossenen, nachhaltigen Kreislaufsystem verbunden.

Warum Technologie allein die Klimakrise nicht löst

Diese Methoden sind jedoch, so fantastisch sie vielleicht scheinen mögen, nicht das Wundermittel, wie uns technokratische Ansätze glauben machen wollen. Die Anlage kann die negativen Auswirkungen der Klimakrise nur bis zu einem gewissen Grad abmildern. Intensive Sonneneinstrahlung, steigende Temperaturen und Wetterextreme machen landwirtschaftliche Methoden wie den FoodDome anfällig. Diese Systeme mögen zwar eine Vorbereitung auf die Folgen des Klimawandels sein. Sie können jedoch niemals echte Maßnahmen, ersetzen, die die Klimakrise an der Wurzel packen und nicht nur ihre Symptome bekämpfen. Und wie Taleb sagte, grenzt es schon an ein Wunder, Nutzpflanzen inmitten einer Wüste wie der algerischen Sahara anzubauen. „Mit fortschreitendem Klimawandel werden wir alle das gleiche Schicksal teilen – wir sind bereit, unser Wissen und Können mit anderen zu teilen. Überall auf der Welt werden Gemeinschaften zusammenarbeiten müssen, um unsere Welt für alle bewohnbar und lebenswert zu erhalten.“ Sandponik, Hydroponik und der Food Dome können wichtige Schritte auf diesem Weg sein.  

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