Die Antarktis ist der kälteste Ort der Welt. Während des achtmonatigen Winters bleiben auf einer deutschen Forschungsstation Wissenschaftler:innen für Langzeitmessungen dort. Eine von ihnen ist die Meteorologin Gina Schulz, die gerade erst letztes Jahr ihr Masterstudium abgeschlossen hat. Warum entscheidet man sich für so einen extremen ersten Job?
Die Neumayer-Station III ist eine deutsche Forschungsstation auf dem Shelfeis am Rande der Antarktis. Dort leben und arbeiten ganzjährig Wissenschaftler:innen. Im antarktischen Sommer, ab Mitte November bis zum März, führen dort 50 bis 60 Menschen Forschungsprojekte durch. Die kommenden Monate – während dem antarktischen Winter – verbringt Gina dort mit nur 8 weiteren Menschen: Drei Techniker:innen, ein Koch, ein Arzt und vier Wissenschaftler:innen sind vor Ort. Ihre Aufgabe ist es, Langzeitmessungen durchzuführen. Denn das Klima in der Antarktis reagiert zwar langsam auf Veränderung, ist aber gerade deswegen besonders spannend. Wir erreichen Gina noch kurz vor Ihrer Abreise via Zoom, an einem besonders dunklen Wintertag hier in Deutschland.
Hallo Gina. Wie bist du überhaupt auf die Idee gekommen, zur Neumayer-Station in der Antarktis zu gehen?
Das hat sich eigentlich aus zwei Dingen ergeben. Erstens habe ich mich durch meine Auslandssemester auf Spitzbergen ein bisschen in die Arktis verliebt. Da dachte ich mir irgendwann: Vielleicht funktioniert das mit der Antarktis auch. Zweitens habe ich mich einmal mit jemandem unterhalten, der jemanden kannte, der gerade überwintert hatte. So bin ich auf das Überwinterungsprogramm aufmerksam geworden. Nachdem ich meinen Masterabschluss hatte und damit offiziell die Qualifikation erfüllt hatte, habe ich mich einfach beworben – und glücklicherweise hat es geklappt.
Also hattest du davor schon Interesse an den Polarregionen?
In der Meteorologie interessieren mich besonders die Polarregionen. Zwischendurch habe ich auch mal ein Praktikum in der Luftchemie gemacht, was ich auch sehr interessant fand. Das könnte ich mir auch für die Zukunft vorstellen. Jetzt bin ich aber erstmal für ein Jahr in der Antarktis.

Worauf freust du dich am meisten?
Eigentlich auf alles. Erst einmal darauf, dort anzukommen und diese Umgebung zu erleben. Besonders freue ich mich aber auch auf unser Team. Wir hatten eine gute Vorbereitungszeit und sind als Gruppe sehr zusammengewachsen. Außerdem freue ich mich darauf, an den Messreihen zu arbeiten. Im Grunde besteht unsere Aufgabe darin, langfristige Messprogramme am Laufen zu halten. Und natürlich freue ich mich auch auf die Herausforderung und die Erfahrung insgesamt.
Wie sah die Vorbereitung auf die Überwinterung aus?
Wir wurden zum 1. Juli eingestellt und hatten dann vier Monate Vorbereitungszeit. In dieser Zeit haben wir uns als Team vorbereitet und gleichzeitig fachlich geschult. Wir haben zum Beispiel eine Einführungswoche mit Vorträgen gehabt, waren in den Bergen und haben dort Bergrettung geübt. Außerdem gab es Veranstaltungen mit Psycholog:innen zu Konfliktmanagement, einen Erste-Hilfe-Kurs und auch einen Brandschutzkurs, weil wir quasi auch die Feuerwehr da sind.
Parallel dazu hatten wir fachliche Vorbereitung. Ich war viel in Bremerhaven am Alfred-Wegener-Institut, habe dort Datenstrukturen kennengelernt und mich mit Datenloggern beschäftigt. Ich habe auch praktische Dinge gelernt, zum Beispiel Löten. Für Geräteeinweisungen – also um die Messgeräte kennenzulernen – waren wir außerdem an verschiedenen Forschungsinstituten, unter anderem in Leipzig, Potsdam, Heidelberg, Oberpfaffenhofen und in München beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Wie ist das Team auf der Station aufgebaut?
Der Grundstock besteht aus neun Personen, die immer für die Überwinterung da sind. Vier davon sind Wissenschaftler:innen, wovon eine Person aus der Meteorologie ist – das bin dann ich. Eine Person ist aus der Luftchemie und zwei sind Geophysiker:innen. Dazu kommen drei Techniker:innen, nämlich ein Mechaniker, eine Elektroingenieurin und ein IT-Ingenieur, der gleichzeitig auch Funker ist.
Außerdem gibt es einen Koch und einen Arzt. Der Arzt ist gleichzeitig die Stationsleitung. Der Arzt und der Koch hatten auch eigene fachliche Weiterbildungen gemacht. Der Arzt ist Unfallchirurg und hat in der Vorbereitungszeit noch ein Praktikum beim Zahnarzt und in einem Krankenhaus in der Anästhesie gemacht. Der Koch musste sich mit Essensbestellungen auseinandersetzen und hat auch ein Praktikum in einem Krankenhaus gemacht, um im Zweifel assistieren zu können. Manchmal sind auch mehr Menschen vor Ort, wenn spezielle Projekte laufen oder Filmteams mitkommen. Aber die neun Personen bilden normalerweise das Kernteam der Überwinterung.
Warum übernimmt genau ein Arzt die Stationsleitung?
Das ist organisatorisch so vorgesehen. Es wurde also nicht im Team entschieden, sondern gehört zur Struktur der Stelle. Der Hintergrund ist vermutlich die Sicherheitsrolle. Wenn es um medizinische oder sicherheitsrelevante Entscheidungen geht, trägt der Arzt letztlich die Verantwortung. In der Praxis treffen wir aber viele Entscheidungen gemeinsam als Team.

Wie lange seid ihr insgesamt auf der Station?
Wir sind insgesamt 13 Monate dort. Davon sind wir acht Monate komplett isoliert. Im antarktischen Sommer ist die Station voll, weil viele Forschungsprojekte laufen und die Infrastruktur aufgebaut oder gewartet wird. Dann sind bis zu etwa 50 Personen dort. Ende Februar reisen alle anderen ab. Danach bleiben nur wir neun zurück und sind bis Ende Oktober allein auf der Station.
Warum nimmt man diese lange Isolation auf sich?
Zum einen sehe ich darin einen klaren wissenschaftlichen Sinn. Zum anderen ist es natürlich auch eine besondere persönliche Erfahrung. Es wird bestimmt Momente geben, in denen sich die Zeit lang anfühlt. Aber das gehört zum Konzept der Überwinterung dazu. Man lernt sich selbst besser kennen und sammelt Erfahrungen, die man sonst nirgendwo machen kann. Man wird einfach extrem viel Neues lernen und viel mitnehmen. Außerdem wächst man als Team sehr stark zusammen. Das haben wir schon während der Vorbereitungszeit gemerkt.
Wie funktioniert das mit der Verpflegung vor Ort?
Im Sommer ist die Station über Flugzeuge angebunden – es gibt fünf Flüge in der Sommersaison. Aber die Fracht und das Essen kommen mit einem Schiff: der Polarstern. Die fährt einmal Anfang Januar dorthin und bringt die Fracht, also Lebensmittel, neue Messgeräte und unsere persönlichen Kisten, die wir vorher abgegeben haben. Danach kommt noch ein zweites Schiff, was die Rückfracht mitnimmt. Kleinere Sachen werden auch nochmal mit einem der Flugzeuge transportiert, da sind dann auch mal frische Lebensmittel dabei.
Das ist bereits die 46. Überwinterung, es gibt also genug Erfahrung. Frische Lebensmittel werden irgendwann zur Neige gehen und die wird man dann auch vermissen. Aber es gibt zum Beispiel auch Tiefkühlgemüse. Also wir müssen nicht 13 Monate lang nur Knäckebrot essen!
Warum ist die Forschung in der Antarktis wissenschaftlich so interessant?
Das ist eine sehr spannende Frage. Das hat viel mit dem Energiehaushalt der Erde zu tun. Die Erde wird von der Sonne ungleichmäßig erwärmt. Am Äquator kommt pro Fläche viel mehr Energie an als an den Polen. Gleichzeitig gibt die Erde überall Energie bzw. Wärmestrahlung ab. Dadurch entsteht ein Energieunterschied zwischen Äquator und Pol. Diesen Unterschied mag unsere Natur im Prinzip nicht, deshalb versucht sie ständig, diesen Unterschied auszugleichen. Genau dieser Prozess ist für unser Wetter verantwortlich. Dieser Energieunterschied ist außerdem der Treiber dafür, dass sich unsere Atmosphäre bewegt. Dazu kommen natürlich noch andere Effekte wie die Erdrotation.
Die Polarregionen spielen dabei eine wichtige Rolle. In der Arktis beobachten wir zum Beispiel, dass sie sich deutlich schneller erwärmt als der globale Durchschnitt. Das verändert die Dynamik unseres Klimasystems und sorgt für Veränderungen in unserem Wettersystem. Wieso Klimawandel und Wetterextreme für uns interessant sein sollten, ist offensichtlich. Die Antarktis ist dagegen stärker isoliert, weil sie von einem Ozean umgeben ist. Dort sehen wir bisher an der Neumayer-Station noch keine eindeutige Temperaturerhöhung.
Gerade dieser Unterschied macht die Region wissenschaftlich so interessant. Uns beschäftigt vor allem auch die Frage, was passieren würde, wenn sich die Antarktis anfangen würde, zu erwärmen. Nur weil wir da noch keine Temperaturerhöhung sehen, heißt das nicht, dass es nie dazu kommen wird. Wenn das passieren sollte, könnten enorme Eismassen schmelzen und den Meeresspiegel weltweit beeinflussen. Deshalb sind die Messdaten von dort für das globale Klimasystem sehr wichtig.
Kann man sich im Meteorologie-Studium im Master spezialisieren? Wie funktioniert das?
Ja, grundsätzlich schon. In Stockholm heißt der Studiengang auch etwas anders, nämlich Atmospheric Science, Oceanography und Climate Physics. Der ist schon breiter aufgestellt, man hätte sich zum Beispiel auf Ozeanographie oder andere Bereiche spezialisieren können. Das habe ich aber nicht gemacht. Ich bin bei der Meteorologie geblieben.
Eine sehr klare Spezialisierung ist im Studium aber meistens eher schwierig. Das passiert meistens automatisch über die Bachelor- oder Masterarbeit. Es ist nicht so, dass es eine riesige Auswahl an Nischen gibt, in die man sich sofort vertiefen kann. Ich habe zum Beispiel in Mainz einige Masterkurse aus der Luftchemie belegt, weil mich das besonders interessiert hat. Das war so etwas wie meine persönliche Spezialisierung. Im Januar letzten Jahres habe ich mein Studium dann abgeschlossen. Für meine Masterarbeit war ich dann noch einmal auf Spitzbergen. Die Überwinterung in der Antarktis ist jetzt sozusagen mein erster richtiger Job.
Ist Meteorologie ein kleiner Studiengang? Wie viele Studierende beginnen damit?
Der Bachelor ist so aufgebaut, dass man die ersten drei Semester gemeinsam mit den Physiker:innen studiert, deshalb wirkt es am Anfang gar nicht so nischig. Aber unser Studiengang war tatsächlich relativ klein. In unserer ersten Vorlesung waren etwa 24 Leute im Bachelor, und ungefähr 14 haben am Ende abgeschlossen.
Mein Studium verlief allerdings etwas ungewöhnlich. Ich hatte mein erstes Semester in Präsenz, dann kamen drei Semester Corona. Danach war ich ein Semester im Ausland und danach musste ich noch einzelne Kurse nachholen. Generell sind die Studiengänge aber eher klein. Am Anfang fragen sich viele Leute: Was kann man eigentlich mit Meteorologie machen? Der typische Kommentar dazu ist dann: „Sehen wir dich irgendwann im Fernsehen beim Wetterbericht?“ Das war aber nie mein Ziel. Man muss auch sagen, dass das Studium eigentlich ziemlich breit aufgestellt ist. Klimathemen sind heute überall präsent. Außerdem lernen wir viel Programmieren und Datenverarbeitung, das man theoretisch auch für andere Berufe nutzen kann. Man muss also nicht zwangsläufig in der Meteorologie bleiben.
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Ein Interview von Pia Senkel, Chefredakteurin und Sebastian Lang, Ressortleiter Wissen