Films for Future: Was ein Filmfestival mit dem Klimawandel zu tun hat

Filme können unterhalten, informieren und berühren. Doch können sie auch Menschen dazu bewegen, sich für Umwelt- und Klimaschutz einzusetzen? Genau davon ist das Team von Films for Future überzeugt. Seit 15 Jahren organisiert die Initiative in Zürich ein Filmfestival, das Dokumentar- und Spielfilme mit Diskussionen, Workshops und konkreten Handlungsmöglichkeiten verbindet. Im Interview spricht Mitgründerin Christina Marchand darüber, wie das Festival entstanden ist, warum Gespräche nach den Filmvorführungen genauso wichtig sind wie die Filme selbst und weshalb Geschichten Hoffnung für den gesellschaftlichen Wandel geben können. 

Was war die Motivation für die Gründung von „Films for future“ und worin besteht Ihre Arbeit?

Vor 15 Jahren entstand die Idee in einer Greenpeace-Gruppe: Wie schaffen wir es, die offensichtlichen Herausforderungen unserer Zeit – allen voran die Klimakrise – stärker in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen? Aus dieser Vision entwickelte sich zunächst eine Filmreihe und schon kurz darauf ein eigenes Festival. Heute tragen über 100 Engagierte dazu bei, das Festival Jahr für Jahr auf die Beine zu stellen. Ich wurde selber durch den Film „Eine unbequeme Wahrheit“ sensibilisiert und aktiviert, und wir haben Ähnliches auch von anderen gehört. Das war ein weiterer Treiber, warum wir auf das Medium Film gesetzt haben.

Welche Berufsgruppen sind in eurer Initiative vertreten?

Das Team ist sehr divers, ein Querschnitt durch die normale Bevölkerung, und reicht von Angestellten, Wissenschaftler*innen und Kulturschaffenden über Studierende bis hin zu Rentner*innen. Auch altersmäßig sind wir gemischt.

Euer Motto lautet „Sehen. Verstehen. Handeln.“ Was bedeutet das in der Praxis?

Das bedeutet für uns, dass wir nach dem Abspann nicht aufhören. Nach jedem Film haben wir ein Podium oder ein Gespräch mit Filmemachenden. Wir zeigen also nicht nur Filme und diskutieren darüber, sondern stellen direkt die entscheidende Frage: Und jetzt – wie weiter? Wir suchen gemeinsam nach Antworten darauf, was wir als Gemeinschaft und was jede*r Einzelne konkret tun kann. Dabei unterstützen uns über 50 Partnerorganisationen, die wertvolles Know-how und praktische Handlungsmöglichkeiten einbringen.

Wie wählt ihr die Filme aus, die im Rahmen eures Programms gezeigt werden? Wo werden diese Filme gezeigt?

Bei der Auswahl setzen wir auf das Schwarmprinzip: Ein Team aus über 30 Juror*innen schaut sich genau die Filme an, auf die sie Lust haben – ganz ähnlich, wie es später auch unser Publikum tut. So kommen über 800 Bewertungen für mehr als 300 Filme zusammen, aus denen wir schließlich die besten Perlen fürs Programm auswählen. Gezeigt werden die Filme an ganz unterschiedlichen Orten in der ganzen Stadt: Das Spektrum reicht vom klassischen Kinosaal über Soziokulturzentren bis hin zur Stadtgärtnerei.

Auf die Filmvorführungen folgen in der Regel Diskussionen mit Expert*innen, Filmemacher*innen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Wie werden diese Diskussionen organisiert und welchen Mehrwert bieten sie zusätzlich zu den Filmen?

Die Diskussionen sind das Herzstück unseres Festivals. Sobald die Filmauswahl steht, prüfen wir, ob wir die Filmschaffenden direkt einladen können, welche Partnerorganisationen – meist NGOs – ihre Perspektive einbringen möchten und welche Expert:innen thematisch am besten passen. Dabei legen wir großen Wert auf Interaktivität: Alle Fragen und Wortmeldungen aus dem Publikum bekommen ihren Raum. Unser Ziel ist erreicht, wenn die Menschen am Ende des Abends inspiriert, etwas schlauer und vor allem motiviert nach Hause gehen.

Könnt ihr uns ein Beispiel für eine Vorführung oder Diskussion nennen, die beim Publikum eine besonders starke Resonanz ausgelöst hat?

Da fallen mir spontan sehr viele ein! Exemplarisch möchte ich zwei Filme von unserem letzten Festivalauftakt nennen: Jane von Brett Morgen über das Leben und Wirken von Jane Goodall und Petra Kelly – Act Now von Doris Metz. Beide Filme porträtieren starke Frauen und haben extrem intensive Diskussionen ausgelöst. Ein weiterer Film von vor zwei Jahren hatte eine Direktschaltung zu Indigenen in den Regenwald, die ihr Territorium dort verteidigen. Es war unglaublich bewegend, dann mit den Menschen persönlich sprechen zu können, die man gerade im Film gesehen hatte. Die Menschen wollten den Saal gar nicht verlassen, das Gespräch dauerte über eine Stunde. Das Publikum liebt bewegende Lebensgeschichten und Menschen, die Mut machen und zeigen: Jede*r von uns kann einen Unterschied machen.

Ihr organisiert auch Veranstaltungen für Schulen und junge Menschen. Was umfasst dieses Programm? Reagieren jüngere Zuschauer*innen unterschiedlich auf die Filme als ältere Generationen?

Ja, absolut! Die Reaktionen unterscheiden sich stark – und natürlich reagieren Achtjährige wiederum ganz anders als 15-Jährige, was auch an den gewählten Filmen und Themen liegt. Wir sind bei den Schulveranstaltungen immer wieder tief beeindruckt von den Fragen der Schüler:innen: Sie sind extrem tiefgreifend, persönlich und auf den Punkt gebracht. In diesen Momenten spüren wir ganz deutlich, welches riesige Potenzial in der kommenden Generation steckt, die Dinge besser zu machen.

Viele Menschen fühlen sich unmittelbar nach dem Anschauen eines Films vielleicht motiviert, etwas zu verändern, doch diese Motivation kann schnell nachlassen. Wie ermutigt ihr das Publikum, anschließend aktiv zu werden?

Das ist ein zentraler Punkt: Die Halbwertszeit der Motivation, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern oder – noch besser – den Handabdruck aktiv zu vergrößern, ist oft kurz. Der Alltag holt einen schnell wieder ein. Genau deshalb gibt es bei uns dieses Jahr zum ersten Mal einen Impact Corner, der direkt nach den Vorführungen Raum für Vertiefung und Vernetzung bietet. Zudem stellen wir weiterführende Informationen auf unserer Website bereit und binden unsere Partnerorganisationen aktiv ein. So bekommt das Publikum konkrete Anlaufstellen an die Hand, um direkt ins Handeln zu kommen. Zumindest bei einigen Menschen merken wir die Veränderung, da sie sich beim Festival engagieren und mithelfen, dass andere den gleichen Prozess mitmachen können.

Ihr arbeitet mit Filmemacher*innen, Wissenschaftler*innen, Organisationen und anderen Partnern zusammen. In welchen Bereichen erfolgt diese Zusammenarbeit?

  1. Inhalt & Know-how-Transfer: Wir gestalten gemeinsam das Programm – etwa durch die Expertise auf dem Podium oder die Auswahl thematisch passender Filme.
  2. Kommunikation & Sichtbarkeit: Unsere Partner nutzen das Festival, um ihre Bekanntheit zu steigern oder eigene Formate wie Mitgliederevents im Rahmen des Festivals umzusetzen.
  3. Finanzierung & Ermöglichung: Die Unterstützung ist essenziell für die Umsetzung jedes einzelnen Events. Wir bieten dabei übersichtliche und flexible Finanzierungsmodelle an, die sich an den Interessen und Möglichkeiten der Partner orientieren.

Nachhaltigkeit beeinflusst auch die Organisation eurer Veranstaltungen. Welche Maßnahmen ergreift ihr, um die Vorführungen selbst so nachhaltig wie möglich zu gestalten?

  1. Inhaltlich: Filme, Podiumsdiskussionen, Workshops und der Impact Day bewegen zum
    Nachdenken und befähigen zu echtem Engagement.
  2. Ökologisch: Wir setzen auf rein vegetarisch-vegane Apéros, nachhaltige An- und
    Abreisekonzepte sowie langlebige Printmaterialien ohne Jahreszahlen zur mehrjährigen
    Nutzung. Unsere Podiumsgäste, vor allem Filmschaffende – wenn sie weiter weg wohnen – schalten wir auch gerne online dazu. Bei uns wird niemand zum Fliegen angeregt, normalerweise kommen die Gäste per Bahn, und auch Übernachtungen organisieren wir teilweise im Freiwilligenkreis.
  3. Sozial: Barrierearme Locations, Diversität auf dem Podium sowie freier oder vergünstigter Eintritt (u. a. via KulturLegi oder für Menschen mit Status N, F, S) garantieren Zugänglichkeit für alle.

Wie hat sich das Interesse der Öffentlichkeit an Umwelt- und Sozialfilmen seit der Gründung von „Films for Future“ verändert?

Die Zeiten sind schwierig und viele Themen kämpfen um das Interesse, das merken wir schon. Aber mit unserem breiten Mix konnten wir das Interesse am Festival weiter steigern. Angesichts von spürbaren Hitzesommern, fehlendem Niederschlag und weltweiten Krisen stellen wir fest, dass die Menschen nach Antworten, Gemeinschaft und konkreten Handlungsmöglichkeiten suchen. Aber sie wollen auch positiv abgeholt werden, also nicht nur Verzweiflung sehen, sondern erleben, was man machen kann. Das versuchen wir zu bieten, und es spiegelt sich auch in unseren Zahlen wider: Während wir 2020 noch knapp 2.000 Besuchende begrüßen durften, waren es im vergangenen Jahr bereits 11.000. Dieser deutliche Anstieg zeigt, wie stark das Bedürfnis der Bevölkerung nach Umwelt- und Sozialthemen gewachsen ist.

Was gibt euch Hoffnung, dass Filme Menschen dazu ermutigen können, zu einer nachhaltigeren Zukunft beizutragen?

Die Klimakrise schreitet weiter fort, auch die anderen Umweltprobleme verschärfen sich, das heißt, die Welt wird sich verändern. Wir versuchen, Impulse zu geben, wie wir die Veränderung aktiv gestalten können, statt nur auf sie zu reagieren. Hoffnung gibt uns die Kraft des Geschichtenerzählens: Gute Filme machen die komplexen Herausforderungen unserer Zeit nicht nur verständlich, sondern auch emotional erfahrbar. Sie zeigen, dass wir den Krisen nicht ohnmächtig gegenüberstehen. Wenn Menschen nach einer Vorführung gemeinsam im Saal sitzen, miteinander diskutieren und merken, dass sie mit ihren Sorgen und Ideen nicht allein sind, entsteht aus Inspiration echte Handlungsmacht. Wir können mit dem Festival nicht alle erreichen, aber denen Mut geben, die offen sind und sich wünschen, etwas zu tun, aber nicht genau wissen, was sie machen sollen. Durch unser Festival erhalten Sie Ideen, Motivation und Kontakte. Wir erhalten auch viel positives Feedback von Besuchenden. Unsere Helfenden sind auch sehr engagiert dabei und haben Spass in der Gemeinschaft. Das gibt Kraft, weiterzumachen, auch wenn es teilweise sehr viel Arbeit ist und die Erfolge nicht immer sofort greifbar sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert