Generation: Kinderlos?

Eine Auseinandersetzung mit unserer Zukunft: Ein Kommentar von Melina Nikitaidis.

Kann ich in einer brennenden Welt noch Kinder bekommen? 

Wie soll ich eine Zukunft planen, wenn mir die Erde unter den Füßen zerbricht?

Kann ich angesichts der wachsenden Umweltkatastrophen guten Gewissens einen Kinderwunsch hegen?

Das sind alles Fragen, die nicht nur mir durch den Kopf schwirren, sondern vielen jungen Menschen, die in ihre Zukunft blicken. Es beginnt Anfang 20, mittlerweile gezwungenermaßen schon früher. Die Gedanken über die eigene Zukunft – in heutigen Zeiten allseits geprägt von Verunsicherung, Angst und Panik. Trotz alldem bleibt der Wunsch bestehen, das eigene Leben sinnvoll und erfüllend zu gestalten. Aber inwiefern ist das zu Zeiten der Klimakrise möglich?

Eine Zukunft in Flammen – wie die Klimakrise den Kinderwunsch überschattet

Wir stehen erst am Anfang einer Entwicklung, die laut Klimaexperten noch dramatische Ausmaße annehmen wird: Ein Kind, das 2020 geboren wurde, wird in einer Welt aufwachsen, in der die Sonne erbarmungsloser brennt als je zuvor. Es wird laut einer Studie des Lancet Planetary Health1 Journals sieben Mal so viele Hitzewellen durchleben müssen wie noch die Generation seiner Großeltern. Bis 2050 prognostiziert die Bundesakademie für Sicherheitspolitik, dass rund 200 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren – das entspricht in etwa der gesamten Bevölkerung von Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen. Ihre Häuser werden unter Wasser stehen, ihre Felder verdorrt, das Wasser nicht mehr trinkbar sein. Sie werden gezwungen sein, alles zurücklassen und ihren Weg in eine ungewisse Zukunft gehen zu müssen.

Während man solche harten Fakten liest, wird einem ganz mulmig zumute. Man möchte sich nicht damit auseinandersetzen und trotzdem ist es nun mal die harte Realität, die uns erwartet. Insbesondere die junge Generation ist belastet von der sogenannten Klima-Angst, da diese sich besonders hilflos ihrer Zukunft ausgeliefert fühlen. Die psychosoziale Gesundheit und das Wohlbefinden von Betroffenen wird beeinflusst von Symptomen wie Angst, Wut, Trauer, Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit. In einer Studie der Universität Bath2 in England zu diesem Thema gab eine junge Person Folgendes an: „I don’t want to die. But I don’t want to live in a world that doesn’t care about children and animals.“

Ein Wunsch, der ins Wanken gerät

All das lässt mich meine eigenen Zukunftswünsche hinterfragen. Von klein auf stand für mich fest, dass ich einmal Kinder haben möchte, doch mittlerweile bilden sich vermehrt Zweifel an diesem Wunsch. Es besteht in meinen Augen eine große Kluft zwischen dem, was ich mir all die Jahre gewünscht habe und was heute Realität ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich verantworten könnte einem hilflosen und verletzlichen Wesen seine realistischen Zukunftsaussichten mitzuteilen. Klimakrise, Kriege, soziale Ungerechtigkeiten – alles scheint aussichtslos und immer mehr junge Menschen verlieren den Glauben an eine stabile Zukunft: Jede*r Vierte unter 30 trägt den Gedanken mit sich, bewusst auf Kinder zu verzichten.3 Laut einer Studie der Stadt Leipzig4 haben 2023 nur etwa 41 Prozent der jungen Menschen zwischen 14 und 24 Jahren in Leipzig den Wunsch eigenen Nachwuchs zu bekommen – ein drastischer Rückgang von fast 30 Prozent im Vergleich zu 2010. Hinter diesen bröckelnden Kinderwünschen stehen junge Heranwachsende, die nicht wissen, wie es weitergeht. Diese Last spüren junge Frauen oft noch stärker: Viele von ihnen können sich kaum noch vorstellen, eigene Kinder in eine Welt zu setzen, die ihnen selbst kaum noch Hoffnung schenkt. Denn nicht nur Faktoren wie die biologische Uhr, sondern auch der gesellschaftliche Druck beengt viele Frauen eine selbstbestimmte und unabhängige Entscheidung zu treffen.

Doch für viele spielen weitaus persönlichere Aspekte eine wichtige Rolle, die den Kinderwunsch maßgeblich bestimmen. Es sind die inneren Zweifel. Die Angst davor, ein schlechtes Elternteil zu sein, die Sorge darüber seinem Kind nicht die Stabilität geben zu können, die es verdient. Was ist, wenn ich meinem Kind nicht die Zukunft bieten kann, die es sich wünscht, weil ich nicht die finanziellen Mittel dazu habe? Wiederum andere fragen sich, wie sie jemals Kind und Karriere miteinander vereinbaren sollen, in einer Welt, in der Leistungsdruck oft mehr zählt als Lebensqualität. Als wäre es nicht genug, kommen noch strukturelle Probleme im eigenen Land wie fehlende Kitaplätze, der Mangel an Lehrkräften, unbezahlbarer Wohnraum oder überlastete Gesundheitssysteme hinzu. All das ist längst keine Ausnahme mehr und die Folgen zeigen sich deutlich: Die Geburtenrate5 sank 2024 auf den niedrigsten Wert seit über einem Jahrzehnt. 2023 brachte eine Frau in Deutschland im Schnitt 1,38 Kinder zur Welt – ein Rückgang von sieben Prozent innerhalb nur eines Jahres. Damit liegt Deutschland vergleichsweise hinter der weltweiten Fertilitätsrate6 von 2,25. Was sich in nüchternen Zahlen ausdrückt, ist in der Realität ein komplexes Geflecht aus Ängsten, Zweifeln und Hürden, das verdeutlicht: Der Verzicht auf Kinder ist für viele keine kühle Entscheidung, sondern ein schmerzhafter innerer Konflikt.

Stillstand im Sandkasten – Wird ein Ort für Kinder bald kinderlos?
Foto von Lukas Meyer

„Wir wissen nicht, was uns in der Zukunft erwartet“ – Stimmen aus einer verunsicherten Generation

Um mir ein besseres Bild davon zu schaffen, wie sich andere junge Menschen wirklich fühlen, habe ich mit einem Paar gesprochen, das mitten in diesem Zwiespalt steckt. Gina (22) und Justin (21), sehen ihre Zukunftsaussichten von der Klimakrise und der aktuellen Politik überschattet. Mit dem Älterwerden kam bei ihnen allmählich der Kinderwunsch auf, doch mit den Krisen unserer Zeit rückte dieser immer weiter in die Ferne: „Man ist unsicher geworden, weil wir nicht wissen, was uns in der Zukunft erwartet.“. Ich erfahre, dass nicht nur die Klimakrise in ihre Entscheidung miteinfließt. Vielmehr sehen sie die gesellschaftliche Spaltung, die innere Sicherheit und ihre finanzielle Lage im Vordergrund ihrer Entscheidung. Auch der Druck von außen sei nicht immer einfach, wenn die Eltern darüber philosophieren, wie die Enkelkinder einmal aussehen werden.

Allerdings möchten Gina und Justin nicht ganz ohne Kinder bleiben und können sich für ihre Zukunft vorstellen, Kinder zu adoptieren oder Pflegekinder aufzunehmen. Sie sagen: „Wir sind noch jung und momentan steht unsere Entscheidung fest, doch wir haben immer noch die Möglichkeit dies jederzeit ändern zu können.“

Gina gibt zu, dass es manchmal sehr schwer ist, den Wunsch nach einem eigenen Kind in unseren Zeiten zu verwirklichen. „Irgendwo liegt es in der Natur der Frau, dass beim Anblick von Kindern dieser innere Impuls aufkommt – der Wunsch, selbst einmal Mutter zu sein. Und gerade wenn man solche Sätze hört wie: „Selbst Kinder zu bekommen, ist die schönste Erfahrung, die man in seinem Leben machen kann, hinterfragt man oft die eigene Entscheidung.“ Dennoch möchten sie ihre Lebensentscheidungen unabhängig von der derzeitigen Klimasituation treffen. Ihr Appell lautet: „Man sollte sich dem Gegenwärtigem bewusst sein, aber trotzdem versuchen ein glückliches Leben zu führen und sich nicht von Ängsten das Leben bestimmen lassen.“

Antinatalismus: Eine Antwort auf den Zeitgeist?

Die Sichtweise von Gina und Justin kann ich sehr gut nachvollziehen und trotzdem bin ich mir noch immer unsicher mit meiner Zukunft. Vielleicht liegt genau darin das Dilemma unserer Generation: Zwischen persönlichem Wunsch und gesellschaftlichen Herausforderungen, zwischen Hoffnung und Realität – und der Suche nach Antworten inmitten all dieser Widersprüche. Antworten auf brennende Fragen wie: 

„Ist es egoistisch, heute noch Kinder zu bekommen?“ 

„Ist es ein Akt der Hoffnung oder Verantwortungslosigkeit? “

„Was heißt überhaupt „Verantwortung“ gegenüber einem ungeborenen Kind?“

„Sollte man in solchen Zeiten trotzdem Kinder in die Welt setzen, wenn den Jüngsten in unserer Gesellschaft schon eine schreckliche Zukunft blüht?“

„Wie kann ich in solchen Zeiten auch nur darüber nachdenken überhaupt noch einen Kinderwunsch zu haben, wenn mir bereits die Türen in den Untergang offenstehen?“

Ich kann mir all diese Fragen selbst nicht beantworten und vielleicht muss ich das auch jetzt noch nicht können und trotzdem schwirren sie mir konstant im Kopf herum. Es ist für mich gut nachvollziehbar, dass sogenannte BirthStrikers sich bewusst gegen Kinder entscheiden. Ursprünglich als ein politisches Druckmittel entstand die Bewegung im frühen 20. Jahrhundert, wird aber in heutigen Zeiten mit dem eingetretenen Geburtenrückgang verbunden. Menschen, die sich mit dieser Bewegung identifizieren, wollen durch ihren Antinatalismus (freiwilliger Verzicht auf Kinder) nicht nur auf politische Missstände hinweisen, sondern durch die Einsparung von Ressourcen künftige Generationen vor der Bedrohungslage des Klimawandels schützen. Théophile de Giraud, Anhänger dieser antinalistischen Bewegung, sagt in einem Interview7 mit der Süddeutschen Zeitung: „Niemand sei seinen Eltern irgendetwas schuldig, im Gegenteil, Eltern machten sich ihrem Kind gegenüber immer schuldig, indem sie es ungefragt ins Leben katapultieren.“ So radikal diese Aussage klingen mag, ein Funke Wahrheit ist zu finden: Kinder fragen nicht danach in diese Welt gebracht zu werden. Eltern werden sich gegebenenfalls in der Position wiederfinden, in der sie ihren Kindern erklären müssen, warum sie in eine kaputte Welt gebracht wurden, in der es nur noch wenige Hoffnungsschimmer zu geben scheint und Angst zunehmend allgegenwärtig ist.

Kinderfrei statt kinderlos – zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlichem Druck

Da immer mehr Menschen aus diversen Gründen die Entscheidung treffen auf Kinder zu verzichten, ist es relevant, wie wir über dieses Leben ohne Kinder reden. Mittlerweile wird zum Teil von „kinderfrei“ gesprochen, da kinderlos impliziert, dass dem Leben ein zentraler Bestandteil fehle. Kinderfrei sagt stattdessen aus, dass man sich freiwillig für ein Leben ohne Kind(er) entscheidet. Doch auch „kinderfrei“ ist nicht frei von problematischen Implikationen: In gesellschaftlichen Debatten kann er den Eindruck erwecken, dass eine ganze Generation wegfällt oder gar ausstirbt, wenn sich viele für diesen Weg entscheiden. So wird aus einer individuellen Entscheidung rasch ein gesellschaftliches Problem konstruiert, das mitunter als verheerend dargestellt wird.

Und obwohl die Entscheidung für ein kinderfreies Leben Ausdruck von Selbstbestimmung ist, ist sie in einer Gesellschaft, die nach wie vor von traditionellen Rollenbildern geprägt ist, keineswegs einfach. Denn wer sich gegen ein Leben mit Kindern entscheidet, muss sich oft dafür rechtfertigen: Egal ob vor Familie, Freunden oder der Allgemeinheit, überall wird man auf Unverständnis treffen. Insbesondere Frauen werden noch immer mit Erwartungen konfrontiert, die tief in traditionellen Rollenbildern verankert sind. Es erzeugt unnötigen Druck auf die Person, der sich zu ihren inneren Zweifeln und äußeren Krisen dazugesellt. 

Wo stehe ich jetzt?

Selbstverständlich frage ich mich, wie die Kinder meines Partners und mir aussehen würden. Trotz dessen denke ich, dass es in meiner Verantwortung liegt, meinem Kind eine gute Zukunft bieten zu können. Solange die Zukunftsaussichten weiterhin so aussichtslos bleiben, stelle ich meinen Kinderwunsch zurück, da ich es nicht übers Herz bringen könnte meinem Kind zu erklären, warum es hilflos in eine kaputte Welt gebracht wurde. Meine Wünsche sind belastet von den Entscheidungen vorheriger Generationen und ich muss hinterfragen, wie meine Zukunft in diesen Zeiten aussehen soll. Dennoch möchte ich in meinem Leben nicht auf Kinder verzichten und könnte mir vorstellen Kinder zu adoptieren und bereits geborenen Kindern eine Zukunftsperspektive zu schenken. Zweifel bleiben selbstverständlich auch bei mir. Aber wie können wir auch in so jungen Jahren solche großen Entscheidungen treffen? Ob es dann kinderfrei, kinderlos oder doch eine Adoption sein wird, ist für mich bisher unklar, denn schließlich zwingt uns die Situation dazu solche großen Lebensentscheidungen nicht basierend auf unseren Wünschen zu treffen, sondern vor allem auch mit einem Blick auf eine unsichere Welt. 

Allen Leser*innen möchte ich mitgeben, dass es in dieser Situation kein richtig oder falsch gibt. Ich richte mich an Sie mit einem: Denken Sie nach, was Sie tun und welche Konsequenzen Ihr Handeln hat. Schauen Sie nicht weg, sondern sehen Sie bewusst in Ihre Zukunft, um nicht blind in Unheil zu stürzen.

Fußnoten:

  1. https://www.thelancet.com/journals/lanplh/article/PIIS2542-5196(21)00321-1/fulltext
  2. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=3918955
  3. https://www.rnd.de/panorama/klimawandel-wirtschaftskrise-pandemie-sollten-wir-in-diesen-zeiten-ueberhaupt-noch-kinder-kriegen-3NTWUHP3XREV3BJO4WEWPATAT4.html
  4. https://static.leipzig.de/fileadmin/mediendatenbank/leipzig-de/Stadt/02.1_Dez1_Allgemeine_Verwaltung/12_Statistik_und_Wahlen/Stadtforschung/JugJug-in-Leipzig-2023.pdf
  5. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Geburten/_inhalt.html#234046
  6. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1724/umfrage/weltweite-fertilitaetsrate-nach-kontinenten/
  7. https://www.sueddeutsche.de/kultur/ueberbevoelkerung-mehret-euch-nicht-1.4030753

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