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„Gönnt euch Pausen vom Weltuntergang“

Die Klimakrise versetzt viele Menschen in Angst, Trauer und Wut. Wie können wir Klimaemotionen nutzen, um Menschen für Klimaschutz zu begeistern, und wie verhindern wir, dass wir unter Angst und Ohnmacht zerbrechen? Die Psychotherapeutin und Aktivistin Katharina van Bronswijk gibt Antworten. Ein Text von Isabelle Bock.

Der Klimawandel kann emotional sein: Ein Spaziergang im ausgedörrten Park stimmt mich traurig. Menschen, die ihre Zigarettenkippen auf den Boden werfen, machen mich wütend. Und wenn ich darüber nachdenke, wie der Kapitalismus dazu führt, dass die einen das Klima unverhältnismäßig schädigen, während andere die Folgen tragen, spüre ich Angst.

Die Klimakrise ist real und wie schön wäre es, ihr solidarisch begegnen zu können! Immerhin: Während 2018/19 das Anliegen der aufkeimenden Klimabewegung noch als Klimahysterie diskreditiert wurde, hat sich mittlerweile dank Forschung und Aufklärungsarbeit das Bewusstsein geschärft, dass der Klimawandel bei vielen Menschen starke Gefühle auslösen kann, was keine Krankheit ist, sondern eine normale Reaktion auf ein Bedrohungsszenario.

Laut Studien sind rund zwei Drittel bis neunzig Prozent der Befragten in Bezug auf den Klimawandel zumindest besorgt. Ich habe die Psychotherapeutin und Klimaschutzaktivistin Katharina van Bronswijk danach gefragt, wie man mit Klimaangst und anderen Klimaemotionen fertig wird, ohne dass man resigniert, sich dystopischem Menschenhass hingibt oder vor Sorge nicht mehr schlafen kann. 

Katharina van Bronswijk ist psychologische Psychotherapeutin ©M. Pätzold

Frau van Bronswijk, wie kann man mit Klimaangst umgehen?

Wichtig ist, dass sie nicht zu stark wird, weil sie sonst eher lähmt als motiviert. Generell können wir drei Bewältigungsformen unterscheiden: Beim problemorientierten Coping verhält man sich so, dass das Problem – die Klimakrise – reduziert wird, etwa indem man bewusste Konsumentscheidungen trifft. Studien zeigen jedoch, dass dieser Umgang zwar den CO2-Fußabdruck reduzieren kann, das Wohlbefinden aber nicht verbessert, weil Betroffene sich allein fühlen mit ihrer Erkenntnis dessen, was dringend zu tun wäre, und schnell in Verzweiflung, Resignation oder auch Verbitterung verfallen. Eine andere Strategie ist das emotionsorientierte Coping: Dazu gehört leugnungsbasierte Hoffnung, also dass man entweder den Klimawandel komplett leugnet oder sich einredet, dass die Folgen des Klimawandels schon nicht so schlimm werden, dass man selbst nicht so stark betroffen sein wird oder dass man selbst nicht die Verantwortung trägt. Dieser Umgang ändert unser Verhalten nicht, aber er reduziert negative Gefühle und wir fühlen uns besser. 

Die dritte Möglichkeit ist das sinnorientierte Coping. Dahinter steckt eine andere Haltung als beim problemorientierten Coping. Man tut Dinge, weil man aus einer Werteorientierung heraushandelt – weniger um etwas Bestimmtes zu erreichen. Dann fühlt sich „das Richtige Tun“ nach Erfüllung an statt nach Verzicht.. Tatsächlich hat die starke Orientierung an festen Zielmarken der Klimabewegung leider eher geschadet, weil bei deren Nicht-Erreichen unweigerlich Desillusionierung die Folge ist. Diese hat den Protesten geschadet. Das sinnorientierte Coping ist in der Hinsicht krisenresilienter, was natürlich nicht heißt, dass wir uns keine Ziele setzen sollten.

Ist es ein Generationenproblem, dass nicht mehr gegen den Klimawandel unternommen wird?

Nein, das glaube ich nicht. Auch ältere Menschen setzen sich sehr bewusst mit dem Klimawandel auseinander und bilden gewissermaßen das Fundament heutiger Protestbewegungen. Für relevanter halte ich soziale Normen. Diese sind enorm wirkmächtig und beeinflussen sowohl das Verhalten als auch die Informationsverarbeitung. So zeigen Studien aus den USA, dass Menschen bei ideologisch aufgeladenen Fragen dieselbe Tabelle komplett unterschiedlich interpretieren, abhängig von ihrer politischen Einstellung zum Thema. Somit können auch Informationen zum Klimawandel und zu politischen Maßnahmen unterschiedlich verarbeitet werden. Diese psychologische Antwort muss man sich gemeinsam mit z. B. politikwissenschaftlichen Ansichten zu Machtdynamiken und Entscheidungsprozessen anschauen. Auch die Quartalszahlengetriebenheit in Unternehmen kann Klimaschutz behindern.

A joyful moment shared among three generations wearing plaid shirts, smiling and having fun indoors.

Sollte die Klimaschutzbewegung versuchen, weniger Angst, Wut und Trauer und stattdessen mehr positive Gefühle hervorzurufen?

Ich plädiere für beides, denn manche Menschen werden eher motiviert über einen Promotion Focus, also über eine anziehende, alternative Vision, während andere Menschen einen Prevention Focus vorziehen, da es sie motiviert zu wissen, was sie verhindern wollen. Damit Angst nicht lähmend wird, sollten immer Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

Auch eine Kombination aus Lösungs- und Visionskommunikation kann sinnvoll sein, also nicht nur zu vermitteln, was in den nächsten Jahren zu tun ist, sondern auch, wo uns das auf lange Sicht hinführt. Zudem sollten wir erzählen, was schon gut läuft, um den vielen Negativmeldungen in den Nachrichten etwas entgegenzuhalten. Es geht nicht alles den Bach runter, es gibt die guten Entwicklungen, auch wenn sie noch nicht ausreichen.

Des Weiteren sehen wir in Studien, dass antizipierter Stolz motivierender ist als antizipierte Schuld: Es motiviert mich mehr darüber nachzudenken, wie stolz ich sein werde, wenn ich das Richtige getan habe, als darüber, wie schlecht ich mich fühlen werde, wenn ich das Falsche getan habe. Wichtig ist nur, Menschen nicht in der falschen Hoffnung zu wiegen, dass andere das Problem lösen werden und sie selbst inaktiv bleiben können. Daher kombiniert man am besten Problembeschreibung und Lösungskommunikation mit einer positiven Vision.

Welche Entwicklungen erwarten Sie für die nächsten Jahre?

Das ist eine schwierige Frage. Mit Blick auf die gesellschaftliche Debatte nehme ich wahr, dass lange mitschwang: „Wir haben noch Zeit.“ Dann gab ein kleines Zeitfenster, in dem es hieß: „Wir müssen jetzt dringend etwas tun.“ Und mittlerweile dominiert die Botschaft: „Es ist zu spät.“ Diese Resignation bereitet mir Sorge, weil sie verhindern kann, dass wir die vorhandenen Handlungsfenster nutzen. Dem könnten wir vorbeugen, indem wir den Fokus auf Ärger als motivierende Emotion und die vorhandenen Handlungsspielräume und weniger auf die Angst legen. 

Teile der Klimabewegung beschäftigen sich mit der Vorbereitung auf eine apokalyptische Gesellschaft und deren solidarische Gestaltung. Das ist wichtig, aber gleichzeitig ist es notwendig, sich nicht nur mit dem drohenden Untergang zu beschäftigen, sondern auch damit, was noch zu erreichen ist.

Ansonsten frage ich mich, was die Krisenpermanenz mit der aufwachsenden Generation macht. Der Klimawandel hat nicht nur ökologische, sondern auch gesellschaftliche Auswirkungen und als Psychologin kann ich nur vermuten, wie sich die Krisenpermanenz z. B. in der Persönlichkeitsentwicklung oder dem Entstehen von Ängsten niederschlägt. Wir sehen auch, dass in Krisenzeiten Verschwörungserzählungen zunehmen und Menschen sich stärker politischen Extremen zuwenden. 

Positiv ist hingegen die Initiative zu den Inner Development Goals (IDGs), die kritische psychische Fähigkeiten nennen, um Krisen gemeinsam zu bewältigen. Dazu gehören etwa Selbsterkenntnis, Emotionsregulation, kritisches Denken, Denken in komplexen Zusammenhängen oder Kreativität. Diese Ziele halte ich für sehr wichtig, denn großen gesellschaftlichen Problemen begegnen wir am effektivsten gemeinsam und in Kooperation.

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Was möchten Sie Menschen mitgeben, die eine apokalyptische Zukunft fürchten?

Studien von Maria Ojala zu Constructive Hope, also konstruktiver Hoffnung, haben verdeutlicht, dass Austausch sehr wichtig ist. Toll sind z. B. Schulprojekte, in denen sich Jugendliche über ihre Sorgen austauschen und an Lösungsprojekten beteiligen können, um z. B. ein Klimaschutzkonzept für den Schulhof zu entwickeln. Solche Räume des Austausches und der Selbstwirksamkeit brauchen wir mehr. 

Wie verhindern Sie selbst, dass Sie die Klimakrise emotional zu sehr belastet?

Darüber Reden hilft auf jeden Fall. Und auch Engagement tut gut. Ansonsten hilft mir mein humanistischer Glaube an das Gute im Menschen. Ich kann und will die Welt nicht allein retten, sondern brauche auch die anderen. Dafür ist es wichtig, sich eine gewisse Menschenliebe zu erhalten. Ansonsten ist es gut, zwischendrin eine Pause zu machen, sich z. B. einen schönen Tag am See zu gönnen und abzuschalten. Achtsamkeit kann eine hilfreiche Technik sein, um sich ins Hier und Jetzt zu holen und das, was ist, zu wertschätzen. Gönnt euch Pausen vom Weltuntergang und vergesst nicht, dass auch kleine Schritte in die richtige Richtung etwas Gutes sind.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Katharina van Bronswijk ist psychologische Psychotherapeutin und aktiv bei den Psychologists/Psychotherapists for Future. Sie forscht und publiziert zu den Zusammenhängen zwischen Psychologie und den sozial-ökologischen Krisen.

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