Stunning aerial view of New York City's skyscrapers and skyline at dusk, showcasing the urban landscape. Stunning aerial view of New York City's skyscrapers and skyline at dusk, showcasing the urban landscape.

Leben wir im Anthropozän?

Mehr als 20 Jahre stritten Wissenschafter*innen über das Anthropozän. 2024 lehnte ein internationales Gremium von Geolog*innen die offizielle Einführung dieses neuen Erdzeitalters ab. Wie kam es dazu? Und warum ist die Diskussion noch längst nicht vorbei?

Allein in den letzten 25 Jahren wurde für Infrastruktur- und Gebäudebau mehr Beton verbraucht als je in der Menschheit zuvor. Durch das exponentielle Bevölkerungswachstum macht die Biomasse des Menschen und der von ihm domestizierten Tiere wie Rinder, Schweine und Hühner bereits 90 % der lebenden Säugetiere aus. Rund 40 % der verfügbaren Landmasse werden zur Lebensmittel-Produktion verwendet. In weniger als einhundert Jahren hat sich bereits so viel Plastikmüll angehäuft, dass damit die gesamte Erde bedeckt werden könnte. All diese Faktoren bringen das natürliche Gleichgewicht der Erde in eine erhebliche Krise. Aber rechtfertigen sie auch die Einführung eines völlig neuen Erdzeitalters?

Wo wir heute stehen…

Eigentlich befindet sich die Erde in der geologischen Epoche des Holozän. Diese Epoche wurde 1885 auf dem 3. Geologischen Kongress in London festgelegt und reicht rund 12.000 Jahre in die Vergangenheit zurück. Mit altgriechischer Wurzel bedeutet der Begriff Holozän „das völlig Neue“. Das Holozän wiederum ist Teil des „Quartär“. Das ist eine Bezeichnung für einen erdgeschichtlichen Zeitabschnitt, der die letzten 2,6 Mio. Jahre beinhaltet, und so das Pleistozän sowie das Holozän verbindet.

Der Begriff „Anthropozän“ wurde ursprünglich in den 1980er Jahren von dem Ökologen Eugene Stoermer geprägt, der ihn offenbar einige Jahre lang informell verwendete. Im Jahr 2000 übernahm der Chemiker und Klimawissenschaftler Paul Crutzen diesen Begriff auf einer Konferenz in Mexiko. Später gab er zu, dass er selbst nicht allzu viel über die Verwendung nachgedacht hatte. Er meinte jedoch, dass er durch die Verwendung des Begriffs „Holozän“ durch seinen Kollegen zunehmend frustriert war, und auf der Suche nach einer Alternative auf „Anthropozän“ stieß. Nach dem Vorstoß von Stoermer und Crutzen waren immer mehr Wissenschaftler*innen der Meinung, dass es einen neuen Begriff bräuchte.

Industrialisierung als Wendepunkt

Der Kern des vorgeschlagenen neuen Zeitalters liegt in dem massiven Einfluss der Menschheit auf die Umwelt seit der Industrialisierung. Dieser Einfluss wird auch in ferner Zukunft noch erkennbar sein, etwa für Geolog*innen, die Gesteinsschichten oder Fossilien untersuchen. Zu den Beweisen gehören neue Gesteine wie Beton und Asphalt, ein globales Artensterben, die massenhafte Verbreitung einzelner Arten und die radioaktiven Hinterlassenschaften von Atombombentests und Kernkraftwerken.

Befürworter*innen des Anthropozän-Begriffs nennen auch die ungeheure Geschwindigkeit, mit der all dies passiert: Natürliche geologische Prozesse erstreckten sich meist über viele Tausende bis Millionen Jahre. Aktuell laufen sie eher in Jahrzehnten bis Jahrhunderten ab. Die gegenwärtigen Veränderungen könnten für zukünftige Geolog*innen vergleichbar sein mit dem Asteroideneinschlag zum Ende der Kreidezeit, der ebenfalls ein neues Zeitalter einläutete: Jenes der Säugetiere.

Das Ende eines Traums?

Trotzdem wurde die offizielle Einführung des Anthropozän-Begriffs abgelehnt. Im März 2024 wurde bei einer Konferenz der International Union of Geological Sciences (IUGS), dem höchsten Wissenschaftsgremium seiner Disziplin, der Fortbestand des Holozäns erklärt.

Die IUGS argumentierte gegen das Anthropozän. Die „anthropozäne Schicht“ auf unserer Erde wäre (noch) nicht flächendeckend sichtbar. Auch der Zeitraum von wenigen hundert Jahren (seit der Industrialisierung) oder wenigen tausend Jahren (seit Beginn der Landwirtschaft) wäre – zumindest für geologische Größenverhältnisse – viel zu kurz. Ein neues geologisches Zeitalter sei nicht gerechtfertigt.

Das Problem mit dem Anthropozän

Das ist insbesondere interessant, weil mit dem Begriff des Anthropozän viele Wünsche und Hoffnungen verbunden waren. Wenn erst einmal alle Menschen sich als verantwortliche Erdbewohner*innen sehen würden, könnte Klima- und Umweltschutz endlich funktionieren. Das Anthropozän als sichtbare Schicht, die wir durch unsere Produktions- und Konsumkultur hinterlassen als unumstößlicher Beweis für unsere Macht.

Gleichzeitig kann diese Sichtweise aber auch zur menschlichen Selbstüberschätzung führen. Wenn wir als Spezies allein für den Planeten verantwortlich sind: Können wir die Klimakrise jederzeit wieder umkehren?

Schlussfolgert man das nur wenige Gedankensprünge weiter, landet schon bei verrückten Geo-Engineering-Ideen. Sonnensegel zum In-den-Weltraum-schießen, CO₂ mit riesigen Anlagen aus der Luft herausfiltern, kleinste Schwefeldioxid-Teilchen in die Atmosphäre pumpen. Keine der aktuellen Geo-Engineering-Ideen ist derzeit wirklich flächendeckend umsetzbar, einige davon sogar reine Science-Fiktion. Problematisch wird es, wenn sich Einzelne, Unternehmen und ganze Staaten auf solche Lösungen verlassen, die von einigen in Aussicht gestellt werden – aber nicht umsetzbar sind.

Das Zeitalter des Menschen

Vielleicht sollten wir uns vom Anthropozän verabschieden: Zeit für Neues! In den Geistes- und Geowissenschaften gibt es mittlerweile einen bunten Strauß verschiedenster Ansätze. Einer davon ist der Neue Materialismus. Diese Strömung möchte Abschied nehmen von der Idee des Menschen als Herrscher und Schöpfer. Die Neuen Materialist*innen richten den Blick auf Kohle, Erdöl, Erdgas und Baumwolle. Nur mit ihrer Hilfe konnte der Mensch solche Leistungen erbringen – nur in Zusammenarbeit mit natürlichen Stoffen sich die Zivilisation und die Industrialisierung entwickeln.

Zentral ist nicht die menschliche Kreativität,
Machtphantasien oder Marsbesiedelungen

Möglicherweise liegt genau hier der Schlüssel begraben: Zentral sind nicht die menschliche Kreativität, Machtphantasien oder Marsbesiedelungen. Viel wichtiger ist der bewusste Umgang mit bestehenden Materialien.

Eine Reduzierung, Verlangsamung, Veränderung. Das betrifft nicht nur uns als Einzelne oder wie Staaten und Unternehmen wirtschaften. Dazu bräuchte es einen kompletten Kulturwandel, ein gesamtgesellschaftliches Umdenken, wie beispielsweise der Club of Rome es bereits 1972 in „Grenzen des Wachstums“, oder 2022 in „Earth for All“ beschrieben hat.

Schnell wird klar: Weder die Themen noch die Lösungsideen sind neu. Das Anthropozän – sofern wir davon ausgehen, dass es denn existiert – erzählt zwar eine Geschichte. Als geologisches Zeitalter blickt es aber unvermeidlich in die Vergangenheit. Lösungen hält es leider keine bereit. Die müssen wir uns schon selbst bauen. Mit Blick nach vorn.

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