“Wo gehobelt wird, falln Späne” – so heißt ein altes Handwerker-Sprichwort. Im Umkehrschluss dürfte dort, wo keine Späne mehr fallen, auch niemand mehr Hobeln. Sieht man diesen Spruch als Analogie auf den Klimawandel, so erklärt er eine der größten Sorgen und Argumente gegen den Klimaschutz. Verbrenneraus, Ende des Stahls, Kohleausstieg – alles Jobkiller. Und auch wenn Klimaschutz wichtig ist, so kann doch niemand am Tag der Arbeit eine klimaneutralere Industrie und somit massive Jobverluste gutheißen, oder? Die Studienlage zeigt aber ein differenzierteres Bild. Der grüne Wandel vernichtet nicht nur Jobs, er schafft auch neue. Der Weg zu Klimaschutz und Arbeitsplätzen, die sogenannte “grüne Transformation” ist gar nicht so schwer, doch klar wird: Auch hier fallen Späne.
Was ist die Grüne Transformation?
Die Grüne Transformation bezeichnet den Umbau unserer Wirtschaft hin zu einem klima- und umweltfreundlichen Modell. Ziel ist es, den Klimawandel zu bremsen und natürliche Ressourcen zu schonen. Im Mittelpunkt stehen der Ausbau erneuerbarer Energien, ein effizienterer Umgang mit Rohstoffen und der Aufbau einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft. Das erfordert hohe Investitionen, neue gesetzliche Rahmenbedingungen und angepasste Geschäftsmodelle. Unternehmen müssen ihre Produktion umstellen und nachhaltigere Produkte sowie Dienstleistungen entwickeln.
Kurz gesagt: Alte, umweltschädliche Technologien – wie ein Holzkamin oder eine Ölheizung – sollen durch sauberere und effizientere Lösungen wie Wärmepumpen oder erneuerbare Energiesysteme ersetzt werden. Dieser Wandel beschränkt sich dabei nicht allein auf die Wirtschaft, er erfasst nahezu alle Bereiche der Gesellschaft.
Warum entstehen durch den Wandel neue Jobs?
Solch ein Wandel benötigt massive Investitionen in Infrastruktur. Genau die sind der wichtigste Treiber für mehr Arbeitsplätze: Windparks, Solaranlagen und Stromnetze brauchen nicht nur Baufirmen, sondern auch Zulieferer, Logistiker und Wartungspersonal. Diese sogenannte indirekte Beschäftigung zieht sich durch die gesamte Wertschöpfungskette.
Besonders gefragt sind Handwerksberufe: Elektriker, Heizungs-, Sanitär- und Klimatechniker verzeichnen einen deutlichen Anstieg der Arbeitsnachfrage – ein Trend, der laut dem Institut der deutschen Wirtschaft auf Grundlage von Jobmonitor-Daten klar erkennbar ist.
Die Zahlen im Überblick
Branchen, die für die grüne Transformation zentral sind, zeigen bereits heute deutliche Zuwächse:
- Energieinfrastruktur: Der Personalanteil stieg in 2019–2024 von 1,1 auf 2,6 Prozent (laut Studie „Die Energie als Jobmotor“ der Bertelsmann Stiftung, 2025)
- Stromnetze: Die Beschäftigung wuchs zwischen 2019 und 2024 um 102 Prozent auf rund 41.700 Personen (Bundesagentur für Arbeit)
- Speichertechnik: Beschäftigungszuwachs von 51 Prozent im Zeitraum 2019 bis 2024 (Bundesagentur für Arbeit)
- Verkehrswende: Im Nah- und Fernverkehr stieg die Beschäftigung bundesweit zwischen 2019 und 2024 um 20 Prozent auf etwa 468.200 Personen (Bundesagentur für Arbeit)
- Wärmewende: Im Bereich Gas-, Wasser- und Klimatechnik nahm die Beschäftigung von 2019 bis 2024 um 7 Prozent auf rund 323.300 Personen zu (Bundesagentur für Arbeit
Manche Studien gehen davon aus, dass sich diese Effekte mit entsprechender politischer Steuerung so verstärken lassen, dass sogar mehr Jobs entstehen als verloren gehen. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB aus dem Jahr 2022 analysiert die Investitionspläne im Bereich Klima und Wohnen der damaligen Ampelregierung. Sie kommt zum Ergebnis: Wird alles so umgesetzt, können durch die grüne Transformation sogar 400.000 neue Jobs entstehen.
Andere Studien kommen teils zu anderen Zahlen, die Kernaussage – grüne Transformation kann mehr Jobs schaffen, als verloren gehen – findet sich aber in mehreren wissenschaftlichen Arbeiten wieder.
Welche Jobs gehen verloren?
Doch zur Wahrheit gehört auch: Der Mythos vom Jobkiller Klimaschutz ist nicht vollständig unbegründet, zumindest für bestimmte Industriezweige. Selbst wenn es netto mehr Stellen gibt – Alte, energieintensive Branchen verzeichnen einen Stellenabbau:
- Kohleindustrie: Rückgang um 57 Prozent
- Automobilindustrie: Beschäftigung sank um 6 Prozent auf 895.100 Personen
- Konventionelle Energietechnik: Herstellung von Verbrennungsmotoren und Turbinen ging um 15 Prozent zurück
Die Angaben beziehen sich auf den Zeitraum von 2019 bis 2024. Grundlage der Daten ist die Veröffentlichung „Auswirkungen der ökologischen Transformation auf den Arbeitsmarkt“ (Nürnberg, März 2025) der Bundesagentur für Arbeit.
Kein reiner Verlust – sondern ein Wandel der Berufsbilder
Die Zahlen täuschen leicht. Denn oft gehen Arbeitsplätze nicht stur verloren, sondern wandeln sich. Es handelt sich um einen tiefgreifenden Wandel gefragter Qualifikationen. In der Automobilindustrie etwa sank die Gesamtbeschäftigung zwar um 6 Prozent – gleichzeitig verdoppelte sich zeitweise die Zahl offener Stellen. Der Grund: Für die Elektromobilität werden dringend Informatiker und Softwareentwickler gesucht, während klassische Fertigungsberufe wegfallen.
Unternehmen reagieren darauf mit mehr Offenheit für Quereinsteiger. In energierelevanten Bereichen verdoppelten sich zwischen 2022 und 2024 entsprechende Stellenangebote im Vergleich zu den Jahren 2019 bis 2021 – besonders auf dem Niveau von Helfer- und Fachkraftstellen.
Ein neuer Strukturwandel – geografisch und qualitativ?
Dennoch liegt auch nahe: Wer vom Fließband gekündigt wird, weil Verbrennerautos durch Klimapolitik immer unattraktiver werden, der wird nur selten als Informatiker wieder einsteigen können. Und wenn das Stahlwerk in Duisburg geschlossen wird, fangen Achim, Detlef und Norbert nicht als Windkraft-Techniker an der Nordsee wieder neu an. Der Übergang zu einer klimaneutralen Gesellschaft bringt seine Herausforderungen – auch für den Arbeitsmarkt. Regionen, die schon jetzt mit Strukturwandel zu kämpfen haben, erwarten voraussichtlich eine noch höhere Arbeitslosigkeit. Jobs für Fachkräfte werden immer mehr gefragt, wogegen einfacher Arbeiter-Jobs hintenüber fallen. Eine mögliche politische Antwort darauf wäre ein gezielter Transformationsfonds, der Regionen und Beschäftigte in schrumpfenden Branchen aktiv unterstützt.
Die grüne Transformation ist keinesfalls einfach. Was sie aber auch nicht ist: Lediglich ein Jobkiller. Durch neue Geschäftsfelder und wichtige Investitionen können Jobs entstehen – nach der Einschätzung einiger Experten auch mehr als verloren gehen. Am Tag der Arbeit steht damit fest: Die grüne Transformation ist vor allem eine Herausforderung für Aus- und Weiterbildung und gerechte, ausgleichende Politik. Gelingt das, ist der Klimaschutz eine Chance für den Arbeitsmarkt: Es könnte gehobelt werden, ohne dass Späne fallen.
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Ein Betrag von: Anton Reckmann und Saiham Khan
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