Über 200 Eisbären hat Marcel dabei schon in freier Wildbahn gesehen. Im Interview mit unserer Gastautorin Anica Schubert berichtet der Wildtierökologe von steigendenen Bärenpopulationen und dem Marketingproblem von Wissenschaftler*innen.
Anica: Hallo Marcel, bist du entspannt ins neue Jahr gestartet?
Marcel: Hallo! Ich bin tatsächlich sehr entspannt ins neue Jahr gestartet. Jetzt beginnt jedoch langsam der Stress, da ich viele Projekte für dieses Jahr vorbereiten muss.
Anica: Bist du selbstständig?
Marcel: Ich habe zwei verschiedene Tätigkeitsfelder. Zum einen bin ich hier Vollzeit im Umweltbüro in Berlin beschäftigt und zum anderen arbeite ich als Freelancer für Forschungs- und Fotoprojekte in der Arktis und Antarktis.
Anica: Du bist Wildtierökologe – wie wird man das?
Was hat dich dazu motiviert, dich mit Wildtieren und Biodiversität zu beschäftigen?
Marcel: Schon als Kind war ich begeistert von Tieren, besonders durch die Zeit auf dem kleinen Hof meiner Mutter in Portugal. Im Biologie-Leistungskurs entdeckte ich mein Interesse für die Wechselwirkungen zwischen Tieren und ihrer Umwelt. Ich habe Forstwissenschaften studiert und mich dabei auf Waldökologie spezialisiert. Nach dem Studium arbeitete ich zunächst in der Umweltbildung und im Naturtourismus. Eine prägende Erfahrung war meine Freiwilligenarbeit beim NABU, wo ich Fledermäuse überwachte – das weckte mein Interesse für den Naturschutz neu. Danach folgten eine Trainee-Stelle in einem Umweltbüro und ein zweiter Master, der mir den Zugang zu internationalen Forschungsprojekten verschaffte.
Anica: Kannst du mir von deinen Erfahrungen und Expeditionen in der Arktis und Antarktis berichten?
Marcel: Ich war mehrmals auf Spitzbergen, zunächst im Sommer für ein Seminar zu arktischen Meeresvögeln, um die Verbindung zwischen Meer und Land zu erforschen. Danach erlebte ich den Winter dort, arbeitete für das Norwegische Polarinstitut an Projekten über Rentiere und Polarfüchse und begann als Guide zu arbeiten. Seit drei Jahren führe ich Touren in der Arktis. Letztes Jahr war ich für zwei Monate als Guide in der Antarktis unterwegs – eine faszinierende Landschaft.
»Besonders spannend war eine Studie über Rentiere, die zeigte, wie die Tiere trotz extremer Bedingungen überwintern.«
Anica: Wie kannst du erkennen, ob du dich in der Antarktis oder in der Arktis befindest?
Marcel: Die Antarktis ist ein eisbedeckter Kontinent mit Pinguinkolonien, während die Arktis aus Wasser besteht, das von Landmassen umgeben ist. Pinguine gibt es nur in der Antarktis, und sie leben in großen Kolonien, die leicht zu finden sind. Eisbären hingegen sind in der Arktis schwerer zu entdecken, da sie viel wandern.
Anica: Konntest du damit rechnen, dass du Wildtieren zum Fotografieren auch wirklich begegnest?
Marcel: In der Wildtierfotografie sind Vorbereitung und Glück entscheidend. Nicht immer sind die Bedingungen ideal, um Tiere zu finden. Ein ethischer Ansatz ist wichtig, um sie nicht zu stören. Trotz über 200 Eisbären-Beobachtungen fehlt mir das klassische Foto eines Bären auf dem Packeis – ein Wunschmotiv, das mir bisher verwehrt blieb. Mehr Erfolg hatte ich mit Polarfüchsen. In einem abgelegenen Tal auf Spitzbergen habe ich sie zwar nur bei jedem dritten Besuch gesehen, aber meine besten Aufnahmen entstanden bei einer späteren Begegnung – trotz weniger optimalem Equipment.

Anica: Was war dein spannendstes Forschungsprojekt, das du bisher begleitet hast?
Marcel: Besonders spannend war eine Studie über Rentiere auf Spitzbergen, die zeigte, wie sie trotz extremer Bedingungen überwintern. Unsere Hypothese, dass Rentiere Pflanzen unter der Schneedecke riechen und gezielt dort graben, wo keine Eisschicht ist, hat sich voll bestätigt. Die Grabungsstellen der Tiere führten immer zu Pflanzen ohne Eis, während daneben oft Eisschichten lagen. Diese Ergebnisse sind auch für die Klimaforschung relevant. Spitzbergen erwärmt sich schnell, und zunehmende Regenfälle im Winter führen oft zu gefrierenden Eisschichten. Diese verhindern den Zugang der Rentiere zur Nahrung und erhöhen ihre Sterblichkeit. Gleichzeitig fördert der Klimawandel das Pflanzenwachstum im Sommer, was den Tieren zugutekommt.
»Die Arktis wird oft als unberührte Landschaft wahrgenommen, ist jedoch seit Jahrhunderten stark vom Menschen beeinflusst.«
Anica: Müssen die Rentiere irgendwann aktiv unterstützt werden, um ihr Überleben zu sichern? In der wilden Natur, ohne menschlichen Einfluss, würden sie vermutlich gut zurechtkommen.
Marcel: Die Arktis wird oft als unberührte Landschaft wahrgenommen, ist jedoch seit Jahrhunderten stark vom Menschen beeinflusst – deutlich mehr als die Antarktis. Bereits vor 400 Jahren dezimierten Walfänger die Walbestände auf Spitzbergen fast vollständig. Mit Beginn des Kohlebergbaus vor etwa 100 Jahren wurden viele Tierarten wie Walrosse, Eisbären und auch Rentiere nahezu ausgerottet. In den 1960er-Jahren begann man, Rentiere an einigen Orten wieder anzusiedeln. Heute hat sich die Population auf etwa 25.000 Tiere erholt – ein Rekord, obwohl 57 Prozent von Spitzbergen von Gletschern bedeckt sind. Aktuell besteht daher kein Bedarf, die Rentiere aktiv zu unterstützen.
„Manche Menschen denken, dass sich Wildtiere in urbanen Räumen
unwohl fühlen müssten, aber das Gegenteil ist der Fall. In der Stadt
sind viele Tierpopulationen größer als auf dem Land,
da die Nahrungsverfügbarkeit höher ist.“
Anica: Die Sami leben in Nordskandinavien in Einklang mit den Rentieren. Könnte das ein Vorbild im Umgang mit Wildtieren sein oder sollten Wildtiere losgelöst in ihrem Ökosystem betrachtet werden?
Marcel: Das Thema ist teilweise kontrovers. Bei den Sami gehören die Rentiere ihnen, was eine Form der Nutztierhaltung darstellt. Diese Tiere leben zwar freier als andere Nutztiere, aber ihre Nutzung hat Konsequenzen, wie das Fehlen von Wölfen in ihren Gebieten, da diese als Bedrohung angesehen werden. Ich sehe dieses Modell nicht negativ, aber es hat wenig mit echten Wildtieren zu tun. Die Vorstellung von Natur in Europa entspricht oft nicht der Realität.

nach Deutschland zurück: der Luchs. ©Marcel Gerson
In urbanen Räumen wie Berlin gibt es beispielsweise viele Wildtiere wie Füchse und zahlreiche Vogelarten. Manche Menschen denken, dass sich Wildtiere dort unwohl fühlen müssten, aber das Gegenteil ist der Fall. In der Stadt sind viele Tierpopulationen größer als auf dem Land, da die Nahrungsverfügbarkeit höher ist. Auf dem Land hingegen dominiert die Kulturlandschaft: vom Menschen angelegte Flächen, keine ursprüngliche Natur. Entsprechend können wir diese Ökosysteme wieder naturnäher gestalten.
Anica: Sollten mehr Wälder wieder ursprünglicher werden?
Marcel: Ja, auf jeden Fall. Die EU plant, zwei Prozent der Fläche in Deutschland sich selbst zu überlassen, derzeit sind es nur etwa 0,5 Prozent. Das sollte sich ändern. Bei allem Verständnis für naturnahe Waldwirtschaft sollten bestimmte Flächen unberührt bleiben, um natürliche Dynamiken zu fördern und wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen. Ein gutes Beispiel ist der Bayerische Wald, Deutschlands erster Nationalpark, in dem das Prinzip »Natur Natur sein lassen« gilt: Dort hat sich der Wald von vielen Sturmereignissen erholt. Tote Bäume sind essenziell für das Ökosystem, da sie Lebensräume für viele Arten bieten und natürliche Prozesse anstoßen. Tierkadaver sind wichtige Nahrungsquellen für Insekten und Geier. Menschliche Eingriffe, wie das Entfernen von Kadavern, stören diese Prozesse und zeigen, wie sensibel die Ökosysteme sind.
Anica: Hältst du es für sinnvoll, Raubtiere wieder stärker in unsere Ökosysteme zu integrieren und dadurch die Jagd durch den Menschen zu reduzieren?
Marcel: Ja, das halte ich für absolut sinnvoll. Eine gewisse Form der Jagd wird weiterhin nötig sein, doch die Jagdpraxis in Deutschland müsste dringend reformiert werden. Besonders problematisch ist der Umgang mit Prädatoren wie Fuchs oder Dachs. Häufig wird behauptet, ihre Bejagung würde bodenlebende Vogelarten fördern – doch wissenschaftlich belastbare Beweise dafür fehlen oft. Vieles basiert auf Traditionen und Annahmen. Es ist wichtig, solche Maßnahmen wissenschaftlich zu prüfen, um herauszufinden, was tatsächlich wirkt. Nur Tiere zu töten, weil es »immer so gemacht wurde«, reicht als Begründung nicht aus. Wir brauchen eine fundierte, ökologische Herangehensweise.
Anica: Vieles, das früher normal war, ist heute aufgrund von neuen Erkenntnissen nicht mehr zeitgemäß. Bei Zoos habe ich den Eindruck, dass sie sich mit Ausreden verteidigen. Gilt das auch für die Jagd?
Marcel: Ja, das kann man so sagen. Robert Marc Lehmann hat das Thema Zoo stark in die Öffentlichkeit gebracht, Ähnliches gilt für die Jagd. Auch hier wird überlegt, wie man sich medial präsentiert, um das eigene Image zu verbessern. Viele Jäger nutzen soziale Medien aber kaum, da sie eher dem Alltag entfliehen wollen. Es gibt typische Narrative, besonders beim Wolf: Oft heißt es, »Der Wolf ist brutal und reißt Tiere qualvoll, während wir Jäger präzise schießen und das Tier nicht leidet.« Diese Argumente sind stark vereinfacht und werden zunehmend in Frage gestellt.
Anica: Warum ist der Wolf nach Deutschland zurückgekehrt?
Marcel: Wölfe wurden in Deutschland ausgerottet, kehrten aber 1999 aus Polen zurück und siedelten sich zunächst auf Truppenübungsplätzen an. Ihre Anpassungsfähigkeit und ihre geringen Ansprüche an Nahrung und Rückzugsräume ermöglichten die Ausbreitung. Sie leben sogar in Tagebauen oder kleinen Wäldern.
Anica: Wie kann sich der Wolf in Deutschland ausbreiten und gleichzeitig der Schutz von Nutztieren und Menschen sichergestellt werden? Stellt der Wolf für den Menschen überhaupt eine Gefahr dar?
Marcel: In den letzten Jahren hat sich die Diskussion um Wölfe stark verändert. Vor zehn Jahren standen Angriffe auf Menschen im Vordergrund, doch heute gibt es keine dokumentierten Angriffe. Die meisten Begegnungen sind einseitig – der Wolf sieht uns, wir bemerken ihn nicht. Menschen sind keine natürliche Beute für Wölfe, und tägliche Angriffe finden nicht statt.
»Ihre Anpassungsfähigkeit und geringen Ansprüche ermöglicht den Wölfen die Ausbreitung.«
Ein großer Fortschritt ist das Monitoring der Wölfe mit einer umfangreichen DNA-Datenbank, die eine solide Grundlage für das Wolfsmanagement bietet. Die größte Herausforderung bleibt der Umgang den Nutztierhaltern, insbesondere den Schäfern. Präventionsmaßnahmen wie Elektrozäune sind entscheidend und effektiv. Ich halte es für vertretbar, einzelne Wölfe zu entnehmen, wenn sie wiederholt Schutzmaßnahmen durchbrechen oder Nutztieren schaden. Solche Eingriffe halte ich für vertretbar, um langfristig ein Gleichgewicht zu gewährleisten.
Anica: Wie bewertest du die Entwicklung, dass der Wolf seinen hohen Schutzstatus verliert?
Marcel: Die Herabstufung des Wolfs von »streng geschützt« auf »geschützt« soll Managementmaßnahmen erleichtern, was im März in Kraft tritt. Praktisch wird sich jedoch wenig ändern, da gezielte Eingriffe weiterhin Vorrang vor einer generellen Aufnahme ins Jagdrecht haben. Ich finde es schade, dass der Wolf in der politischen Kommunikation zunehmend als Konfliktthema dargestellt wird, anstatt seine symbolische Bedeutung zu betonen. Zudem hat sich das Wachstum der Wolfspopulation von jährlich 20 bis 30 Prozent vor zehn Jahren auf etwa zehn Prozent verlangsamt, was zeigt, dass die Dynamik bereits nachgelassen hat.
Anica: Warum sind die Wachstumsraten so zurückgegangen?
Marcel: Es sind Barrieren wie Autobahnen und Straßen, die die Ausbreitung erschweren. Für die Besiedlung eines neuen Gebiets müssen viele Faktoren zusammenpassen: Ein Männchen und ein Weibchen müssen sich finden und ein Territorium etablieren. Rückschläge durch Jäger oder Landwirte sind dabei nicht selten.
Anica: Das zeigt erneut, wie wichtig es ist, das Ökosystem ganzheitlich zu betrachten und die Wälder miteinander zu verbinden.
Marcel: Absolut. Das ist entscheidend, besonders für andere Tiere wie den Luchs, der viel stärker an seinen Lebensraum gebunden ist.

Anica: Lass uns den Klimawandel in der Arktis beleuchten. Dort fällt er durch die Schmelzung des Eises besonders auf. Welche Tierarten sind besonders bedroht?
Marcel: Eisbären sind stark bedroht, da sie für ihre Robbenjagd auf Meereis angewiesen sind. Ohne Eis können sie ihre Beute nicht erlegen. Als extreme Spezialisten in einem Lebensraum mit geringer Biodiversität haben Eisbären Schwierigkeiten, sich anzupassen. In der Arktis gibt es zwar nur wenige Säugetierarten, dafür oft große Populationen, wie 25.000 Eisbären oder riesige Vogelkolonien. Ähnlich verhält es sich in der Antarktis mit den Pinguinkolonien. Währenddessen dringen Generalisten – Tiere, die anpassungfähiger sind – in diese Lebensräume ein.
»Die Eisbärpopulation auf Spitzbergen ist gestiegen, weil sich die Tiere noch von der Ausrottung erholen.«
Anica: Können sich diese Tiere an die veränderten Klimazonen anpassen? Wenn das Eis schmilzt, müssten die Robben irgendwann auch auf dem Festland leben.
Marcel: Hm, das werden wir sehen. Bisher zieht das Eis immer weiter nach Norden, und auch bei den Eisbären gibt es auch positive Entwicklungen. Die Eisbärpopulation auf Spitzbergen ist kurzfristig gestiegen, weil sich die Tiere noch von der lokalen Ausrottung erholen. Mittelfristig haben sie wahrscheinlich noch gute Überlebenschancen, da es Faktoren gibt, die wir möglicherweise nicht vollständig beobachten – ökologische Systeme sind komplex. Jedoch ist es wahrscheinlich, dass sich ihre Populationen verschieben und lokal aussterben.
Anica: Das klingt nach einer positiven Aussicht. Oft hört man nur, dass das Eis schmilzt und Eisbären aussterben.
Marcel: Das wird oft nicht richtig vermittelt. Ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch: Im Sommer habe ich Vorträge über positiven Geschichten aus dem Naturschutz gehalten. Es gibt durchaus zuversichtliche Entwicklungen. In Europa erholen sich viele Tierarten, wie Wölfe, Luchse, Biber und Seeadler. Dennoch gibt es auch Arten, denen es schlecht geht, vor allem weniger charismatische Tiere.

Anica: Zum Beispiel Amphibien?
Marcel: Genau, aber auch Reptilien und Vogelarten wie die Feldlerche oder der Kiebitz, die in der Agrarlandschaft leben. Auch bei den Insekten gibt es dramatische Einbrüche. Da Insekten die Grundlage unseres Ökosystems sind, ist das besonders alarmierend.
Anica: Gibt es genügend Forschung im Bereich Wildnis, Artenvielfalt und Klima oder ist da noch Bedarf?
Marcel: Es mangelt weniger an Forschung als an einer klaren Kommunikation der Ergebnisse. Wissenschaftlern fällt es oft schwer, komplexe Erkenntnisse verständlich an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Zudem bleibt in den Medien häufig wenig Raum für tiefgehende Auseinandersetzungen, weshalb Themen wie Artenschutz und Biodiversität oft zu kurz kommen.
»Wissenschaftlern fällt es oft schwer, komplexe Erkenntnisse verständlich an die Öffentlichkeit zu vermitteln.«
Tierschutz- und Biodiversitätsprojekte benötigen dringend ein besseres Marketing, zum Beispiel durch spezialisierte Agenturen, ansprechende Websites oder professionelle Werbefilme. Ein Vorbild ist die Auswilderung des Bartgeiers in Bayern, die durch medienwirksame Events viele Menschen erreicht hat.
Anica: Was sind deine weiteren Pläne?
Marcel: Dieses Jahr stehen spannende Projekte an, darunter ein Forschungsaufenthalt in Namibia zur Untersuchung des Verhaltens von Löwen. Langfristig möchte ich mich in der Umweltpolitik engagieren und als Referent für Umweltorganisationen oder Behörden arbeiten.

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Dieses Interview wurde 2025 geführt, aufgezeichnet und transkribiert.