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„Angst, Trauer und Wut sind gesunde Reaktionen“

Extreme Hitzesommer, zunehmende Überschwemmungen und die politische Erstarrung fordern uns nicht nur rein körperlich, sondern machen auch etwas mit unserer Psyche. Der Verein „Psychologists for Future“ hat es sich zum Ziel gemacht, psychologisches Wissen rund um sozial-ökologische Krisen in die Gesellschaft zu tragen, und unterstützt Menschen, die in der Klimabewegung aktiv sind. Unsere Autor hat mit Martina Amberg über öffentliche Debatten, Aktivismus und den Klimakollaps gesprochen.

„Psychologists for Future“ wurde im Jahr 2019 gegründet. Was war der Anlass für die Gründung dieser Gruppe und worin besteht eure Arbeit?

Psychologists / Psychotherapists for Future entstand Anfang Mai 2019 als Graswurzelbewegung aus dem Engagement einzelner Kolleg*innen, die Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise suchten. Bei unserer Recherche zum Thema wurde von Tag zu Tag deutlicher, dass die Klima- und ökologische Krise auch ein psychologisches Problem ist, das bereits von vielen Seiten gut erforscht ist. Innerhalb weniger Wochen fanden sich mehr und mehr Kolleg*innen, die bis heute bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit für unentgeltliches, ehrenamtliches Engagement in dieser Initiative bereitzustellen.

Viele Menschen verstehen zwar die wissenschaftlichen Hintergründe des Klimawandels, tun sich jedoch nach wie vor schwer damit, ihr Verhalten anzupassen. Warum besteht aus psychologischer Sicht oft eine so große Kluft zwischen Wissen und Handeln?

Die psychologische Forschung hat hier verschiedene Mechanismen beschrieben, wie zum Beispiel:
Verantwortungsdiffusion: „Es wird sich schon jemand anders kümmern.“
Optimistische Wahrnehmungsverzerrung: „Es wird schon nicht so schlimm werden.“
Unumkehrbare Kosten: „Wir haben so viel investiert – das darf nicht umsonst gewesen sein.“
Begrenztes Handeln: „Ich trenne doch meinen Müll, das ist genug.“
Verlustaversion: „Ich habe Angst, durch Verbote Teile meines Lebensstandards zu verlieren.“

Aber auch:

Erlernte Hilflosigkeit: „Ich weiß doch, dass ich eh nichts bewirken kann.“
Reaktanz : „Ich lasse mir nichts verbieten, ich lasse mir nichts vorschreiben.“

Diese Wahrnehmungs- und Denkmuster sind oft nicht bewusst bzw. werden immer wieder auch als subjektive Rechtfertigung für Nicht-Handeln genutzt.

Begriffe wie Klimaangst, Öko-Trauer und Klimaemotionen sind in den letzten Jahren immer geläufiger geworden. Gibt es so etwas wie eine gesunde emotionale Reaktion auf die Klimakrise? Ab wann sollte man professionelle Hilfe in Anspruch nehmen? 

Angst, Trauer und Wut sind per se erstmal gesunde Reaktionen auf die Realität der Beschleunigung des Klimawandels und auf die Wahrnehmung, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dieser Realität immer noch nicht angemessen begegnen. Man denke nur an das dröhnende Schweigen der Bundesregierung angesichts der bis jetzt schon über 12.000 hitzebedingten Todesfälle (laut RKI) in diesem Jahr. Eine solche Nicht-Reaktion der Politik wirkt übrigens deutlich verstärkend auf belastende Gefühle. 

Wenn diese belastenden Gefühle so überhandnehmen, dass daraus Antriebslosigkeit, stundenlanges Grübeln, fortgesetzter sozialer Rückzug oder Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung werden oder insgesamt das tägliche Leben dadurch stark beeinträchtigt wird, ist es empfehlenswert, professionelle Hilfe zu suchen.

Eines eurer Hauptziele ist es, die Fähigkeit der Menschen zu stärken, konstruktiv auf den Klimawandel zu reagieren, anstatt sich von ihm überwältigen zu lassen. Welche praktischen Strategien gibt es, um Hoffnung und Resilienz zu fördern?

Wir empfehlen, mit diesen Gefühlen von Überwältigung und Ohnmacht nicht alleine zu bleiben. Es ist gut, sich Menschen zu suchen, um über die schwierigen Gefühle und Erfahrungen zu sprechen und so zu erleben, damit nicht alleine zu sein. Neben Gesprächen mit Freund*innen und Familie (wenn möglich) ist eine sehr niedrigschwellige Möglichkeit das Format „Klima-Café“, das von Psy4F in vielen Städten angeboten wird. Informationen dazu gibt es auf klimatreffs.de. Wir bieten immer wieder auch online-Formate zum Austausch an.

Und darüber hinaus: Gemeinsam mit anderen aktiv zu werden, um z. B. in der eigenen Stadt, im eigenen Viertel eine Veränderung zu erreichen, die positiv aufs Klima wirkt, stärkt sowohl Verbundenheit als auch Selbstwirksamkeit. Beide Elemente wirken stärkend auf die persönliche und soziale Resilienz.

Die öffentliche Debatte über die Klimapolitik ist zunehmend polarisiert. Wie kann aus eurer Sicht die Kommunikation zum Thema Klimawandel konstruktiver und weniger spaltend gestaltet werden?

Das Problem ist, dass die meisten von uns sich in mehr oder weniger gleichgesinnten Bubbles bewegen. Verstärkt wird dies noch durch Social Media. Wir müssen raus aus unseren (komfortablen) Bubbles und beginnen, mit echtem Interesse mit anderen ins Gespräch zu kommen. Also nachfragen, um die Haltung meines Gegenübers zu verstehen. Das heißt nicht, dass ich sie teilen oder damit einverstanden sein muss. Es geht erstmal darum zu hören, was den/die andere bewegt. Dann lassen sich vielleicht sogar Gemeinsamkeiten finden, wie die Sorge um die Zukunft der eigenen Kinder. Das ist die Ebene der persönlichen Kommunikation – im Alltag, am Arbeitsplatz, beim Familienfest, im Sportverein.

Doch auch Medien haben hier eine Verpflichtung, die sie teilweise nicht oder nur sehr unzureichend wahrnehmen: Statt die Jagd nach immer mehr Klicks und Likes zur Geschäftsgrundlage zu machen, müssen Medien ihrem Informationsauftrag nachkommen: Faktenchecks sollten selbstverständlich sein und Informationen über die sozial-ökologischen Krisen müssen in der Berichterstattung den Raum bekommen, der ihrer Wichtigkeit für unsere Zukunft entspricht, statt populistische Narrative weiter aufzublähen. Eine Arbeitsgruppe von uns hat übrigens einen Medienleitfaden Psychologische Empfehlungen zur Berichterstattung über die Klimakrise“  entwickelt. Er kann auf unserer Website heruntergeladen werden.

Ihr entwickelt regelmäßig Lehrmaterialien, Workshops und Podcasts, um psychologische Forschungsergebnisse zu vermitteln. Wo verbreitet ihr diese Materialien, damit sie möglichst viele Menschen erreichen?

Wir haben inzwischen Materialien zu verschiedensten Themen entwickelt, wie z. B. Handreichungen für schwierige Klima-Gespräche, Tipps zur Burnout-Vorbeugung und zu gesundem Engagement, einen Leitfaden „Mit Kindern übers Klima sprechen“ und viele weitere. Das eine oder andere davon gibt es auch in einfacher Sprache.  Materialien stehen auf unserer Website zum Download bereit. Wir weisen bei Veranstaltungen auch immer auf unsere Materialien hin und haben dann auch ausgedruckte Exemplare, die zum Veranstaltungsthema passen, dabei. Auf Anfrage stellen wir sie gegebenenfalls auch anderen For-Future-Gruppen zur Verfügung. Unseren „Klima im Kopf – Der Psychologists-for-Future-Podcast“ findet Ihr auf allen gängigen Podcast-Plattformen. Für verschiedene Inhalte entwickeln wir auch für Social Media passende Formate. Da wir aber alle ehrenamtlich arbeiten, sind unsere Kapazitäten begrenzt.

Eure Organisation verbindet Psychologie mit sozialer Gerechtigkeit, Demokratie und Nachhaltigkeit. Warum können diese Themen nicht getrennt voneinander behandelt werden?

Die Klimakrise ist von Anfang an eine Krise der sozialen Gerechtigkeit: Diejenigen, die von klimafeindlichem Handeln wirtschaftlich profitieren und so immer weiter zur Gefährdung des Klimas und damit der Lebensbedingungen für alle Menschen beitragen, sind in der Regel nicht diejenigen, die am meisten unter den Folgen zu leiden haben. Letztere haben meist auch weit weniger finanzielle Mittel zur Verfügung, um sich gegen die Folgen zu schützen. Das gilt sowohl regional als auch global. 

Eine wirklich funktionierende Demokratie ist der einzige Weg, diese Ungleichheit zu beenden, indem wir alle verantwortungsvoll für ein gutes Leben für alle und auch für eine gute Zukunft für kommende Generationen eintreten. Nur dann werden wir gemeinsam an nachhaltigen Lösungen für die gegenwärtigen Krisen arbeiten. Was passiert, wenn statt Demokratie das Gegenteil, also Autokratie, herrscht, können wir leider in immer mehr Ländern beobachten. Und wir sollten uns in diesem Zusammenhang auch immer wieder vergegenwärtigen, dass Demokratie gefährdet ist, wenn wir uns nicht alle für sie verantwortlich fühlen. Barrieren, die ein Handeln verhindern, sind oft psychologische Barrieren. Bei deren Überwindung kann Psychologie helfen, ebenso wie beim Umgang mit den Herausforderungen, die nötige Veränderungen nun mal mit sich bringen.

Viele Menschen sind der Meinung, dass ihr individuelles Handeln keinen nennenswerten Unterschied bewirken kann. Was sagt uns die psychologische Forschung über die Bedeutung des persönlichen Verhaltens im Vergleich zum kollektiven Handeln?

Angesichts der globalen Dimensionen der sozial-ökologischen Krisen erscheinen manchen Menschen die eigenen Handlungs- und Veränderungsmöglichkeiten lächerlich gering. Es wäre aber falsch, sich davon zum Nichtstun verleiten zu lassen. Denn bei individuellem Handeln (mit dem Fahrrad zur Arbeit statt mit dem Auto; vegan essen; auf Wärmepumpe umsteigen etc.) geht es bei Weitem nicht nur um die – global gesehen vielleicht winzige – Menge an gesparten Treibhausgasen. Mindestens genauso wichtig ist die soziale Wirkung: Wenn mehr und mehr Menschen diese individuellen Verhaltensweisen zeigen, werden sie zum „neuen Normal“. Das hat die psychologische Forschung bereits 1990 gezeigt. 

Dennoch sollten Menschen, wenn möglich, auch schauen, wo sie sich mit einer Gruppe für den sozial-ökologischen Wandel einsetzen können. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Gemeinsam Lebensmittel retten und im eigenen Viertel damit Schnippel- und Kochparties veranstalten; für die Grundschule des Kindes einen „Schulbus auf Füßen“ organisieren und damit den Autoverkehr durch Bringe-Eltern reduzieren und gleichzeitig den Kindern Alternativen zum Auto nahebringen; sich in einer NGO oder politischen Partei mit passendem Programm engagieren… Wie die Forschung zeigt, ist die Erwartung und Erfahrung kollektiver Wirksamkeit ein wichtiges Gegenmittel zur individuell erlebten Ohnmacht angesichts der Krisen.

Habt ihr seit der Gründung Veränderungen darin festgestellt, wie die Menschen emotional auf die Klimakrise reagieren? Unterscheiden sich die heutigen Sorgen von denen, die ihr vor fünf oder sechs Jahren beobachtet habt?

Zu Beginn war neben Wut und Angst auch eine gewisse Aufbruchsstimmung zu bemerken: „Wenn wir gemeinsam aktiv werden, können wir das Ruder noch herumreißen und das 1,5-Grad-Ziel noch schaffen.“ Das brachte damals Hunderttausende zu Demonstrationen auf die Straße.

Inzwischen wissen wir, dass dieses Ziel nicht mehr haltbar ist. Das führt bei vielen zu Resignation oder Ohnmacht bis hin zu Verzweiflung. Manche reagieren mit Rückzug aus dem Aktivismus; manche entscheiden sich inzwischen sogar gegen klimabewusstes, sozial-ökologisches Verhalten mit der Begründung „es ist ja eh alles zu spät“. Diejenigen, die sich weiter engagieren, sind durch dieses Umschwenken ehemals Aktiver enttäuscht. Gestiegen sind Wut und Fassungslosigkeit angesichts des Nicht-Handelns der politisch Verantwortlichen. Auch die Angst davor, für ihren Einsatz für eine lebenswerte Zukunft kriminalisiert zu werden und mit Haft- oder Geldstrafen rechnen zu müssen, bedrückt viele derjenigen, die sich weiter engagieren.

Deutlich häufiger ist inzwischen das „Kollaps“Thema: Was können wir tun, wenn durch die Fortsetzung und Ausweitung der sozial-ökologischen Krisen Strukturen zusammenbrechen, und Infrastruktur nicht mehr funktioniert? Wie können wir in einer solchen Extremlage dennoch solidarisch miteinander umgehen und auch Kranke, Alte, Schwache einbeziehen, statt rücksichtslos und egoistisch zu agieren? Sich mit diesen Fragen und auch den damit verbundenen schwierigen Gefühlen wie Angst, Trauer, Verzweiflung, Ohnmacht gemeinsam mit anderen auseinanderzusetzen, kann wieder Mut und Kraft geben, sich den kommenden Herausforderungen zu stellen. 

Eure Organisation bietet kostenlose Beratung und Unterstützung für Klimaaktivist*innen an. Was sind die häufigsten Herausforderungen, mit denen Aktivist*innen an euch herantreten, und wie können sie sich vor einem Burnout schützen und gleichzeitig ihr Engagement aufrechterhalten?

Aktuell haben wir fast täglich Beratungsanfragen von Menschen, denen die Klimakrise „neu“ bewusst geworden ist, weil sie sich damit überfordert fühlen und mit den Gefühlen nicht umzugehen wissen. Also viele Anfragen aufgrund der aktuellen Hitzewellen, viel zum Thema Angst und Trauer und Sorgen um die Zukunft. Es gibt aber auch Anfragen von Menschen, die nicht wissen, wie sie damit umgehen können, dass wichtige Menschen aus dem eigenen Umfeld den Ernst der Lage bzgl. der sozial-ökologischen Krisen nicht wahrhaben möchten. Das kann in einigen Fällen dazu führen, dass Familien und Freundeskreise in Frage gestellt werden, aufgrund unterschiedlicher Auffassungen.

Immer wieder haben wir Anfragen von Aktivist*innen und bereits Klimaengagierten, die unter Hilflosigkeit und Ohnmacht leiden oder die versuchen, Verantwortung für andere mit zu übernehmen, die nicht handeln. Teilweise geht es um das private Umfeld, teilweise auch um den Arbeitsplatz, wo sie sich für ökologisch sinnvolle Veränderungen einsetzen, aber keine Resonanz finden. 

Auch das Thema „Burnout“ spielt eine wichtige Rolle, wenn Menschen aufgrund ihres Engagements ausbrennen oder es aufgrund psychischer Belastung nicht mehr schaffen, ihrem Engagement nach ihren Vorstellungen nachzugehen. Nach bestimmten „Ereignissen“ wie z. B. Demos, bei denen es zu Polizeigewalt kam, haben wir vermehrt Anfragen von Menschen mit Belastungsreaktionen wie z. B. Angstsymptomen.

Standardmäßig bieten wir eine themenoffene Beratung an. Einfach ein offenes Gespräch mit jemensch mit psychologischen Kenntnissen. Eine Beratung kann und soll keine Therapie sein – wir sind insbesondere mit Klima- und Aktivismus-Themen vertraut und stellen keine Diagnosen. Uns erreichen aber wegen mangelnder Plätze auch Therapieanfragen von belasteten Aktivist*innen. Diese Anfragen leiten wir, wenn möglich, an eine unserer Regionalgruppen in der Nähe weiter.

Generell empfehlen wir Aktivist*innen, sich immer wieder auch Pausen und Auszeiten zu gönnen, indem sie mit Freund*innen, denen sie vertrauen, etwas Schönes unternehmen, und sich zu erlauben, sich auch mal abzulenken. Wir bieten daher für Aktivist*innen, die eine Auszeit benötigen, mehrmals im Jahr von uns organisierte und begleitete mehrtägige Retreats in einem Kloster an. Ganz wichtig ist es, auf sich selbst zu achten – Bewegung, Ernährung und ausreichend Schlaf gehören dazu, mit klaren Regeln, wann das Smartphone Pause hat.  Denn: Eine gute Selbstfürsorge ist eine wichtige Grundlage für langfristiges Engagement.

Danke für das Gespräch!

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