Wo Menschen gemeinsam für eine Sache kämpfen, entstehen auch Konflikte – das gilt für die Klimabewegung nicht weniger als für andere Gruppen. Unterschiedliche Vorstellungen, Missverständnisse oder persönliche Spannungen können die Zusammenarbeit erschweren und im schlimmsten Fall dazu führen, dass Menschen sich zurückziehen. Doch Konflikte müssen nicht das Ende einer Zusammenarbeit bedeuten: Richtig begleitet, können sie auch neue Perspektiven eröffnen und Gruppen stärken.
Wie Konfliktmoderation dabei helfen kann und warum ein konstruktiver Umgang mit Auseinandersetzungen gerade für die Klimabewegung wichtig ist, darüber sprechen wir mit Konfliktmoderation for Future.
Konfliktmoderation for Future ist aus dem Umfeld von Psychologists for Future entstanden. Was war der Anlass, eine eigene Initiative für Konfliktmoderation ins Leben zu rufen und wann war das?
Sowohl die Psy4F als auch XR hatten bestehende Konfliktbearbeitungs-Angebote, die Gruppen zur Verfügung standen und wo Anfragen über eine Signalgruppe verteilt wurden. Diese Angebote waren nicht so breit bekannt und standen eher nur dem jeweiligen Dunstkreis zur Verfügung.
Anfang 2021 haben sich Menschen von Psychologists for Future mit der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden e.V. ausgetauscht, ob es sinnvoll sei, ein klimabewegungsübergreifendes Angebot zu schaffen – die einhellige Antwort war: ja! Die Beteiligten sammelten, welche bestehenden Angebote sie kannten und luden dann das Netzwerk Konfliktmoderation und die KURVE Wustrow e.V. zusätzlich ein.
Über das Jahr 2021 hinweg wurde das Angebot ausgearbeitet, die Webseite erstellt etc.. Im März 2022 wurde „Konfliktmoderation for Future“ in einer Online-Veranstaltung der Öffentlichkeit vorgestellt und die Arbeit aufgenommen.
Viele Menschen verbinden Klimaschutz vor allem mit Demonstrationen oder politischen Forderungen. Warum braucht eine Klimabewegung überhaupt Konfliktmoderation?
Konflikte sind in Zusammenarbeit in Gruppen und Teams ja meist eher die Regel als die Ausnahme – grade in Gruppen von Menschen, die sich (noch) nicht gut kennen, entstehen leicht Missverständnisse, oder es gibt unterschiedliche Vorstellungen vom Vorgehen oder den Zielen. Für viele Gruppen sind Konflikte eine schwere Belastung. Ihre Bearbeitung erfordert Zeit, Nerven und manchmal noch weitere Ressourcen – diese haben die Gruppen aber oft nicht. Daher lähmen Konflikte die Arbeit der Gruppen und nicht selten kommt es dazu, dass Gruppenmitglieder aufgrund von Konflikten die Gruppen verlassen. Das ist ein großes Problem für die Klimabewegung, denn alle Gruppen und Menschen werden gebraucht.
Mit welchen Anliegen wenden sich Klimagruppen am häufigsten an euch? Welche Konflikte begegnen euch besonders oft?
Worum es inhaltlich geht, das wissen wir oft gar nicht so genau. Das müssen wir auch nicht, denn unsere Aufgabe ist es, die Gruppen und ausgebildete Moderator*innen zu vernetzen und finanziell zu unterstützen indem wir ein Honorar an die Moderator*innen zahlen. Die Spanne der inhaltlichen Auseinandersetzungen reicht von Spannungen aufgrund unterschiedlicher Positionen in der Gruppe (wie z.B. haupt- und ehrenamtlich Aktive) bis hin zu Auseinandersetzung mit diskriminierendem Verhalten oder konkreten, inhaltlichen Differenzen.
Wie läuft eine Konfliktmoderation bei euch typischerweise ab? Was passiert, nachdem sich eine Gruppe bei euch gemeldet hat?
Wenn sich Gruppen bei uns melden, dann schauen wir im ersten Schritt, ob es sich um eine ehrenamtlich arbeitende Gruppe handelt, welche sich grob der Klimagerechtigkeitsbewegung zuordnen lässt. Dann senden wir die Anfrage anonymisiert über unseren Verteiler an die Moderator*innen. Meist melden sich schnell Menschen zurück und dann vernetzen wir die Gruppe mit Moderator*innen. Das genaue Thema sowie die Art der Bearbeitung (Präsenz oder Online,…) klären die Gruppen direkt mit der Moderation.
Die Konfliktmoderation selbst folgt dem Prozess einer Mediation: Nach einem Kennenlernen und Klären des Auftrags wird zuerst besprochen, was das Thema ist, dann wird gehört, was welcher Person zu diesem Thema wichtig ist (das ist die zentrale Phase). Danach werden mögliche Umgangsweisen gesammelt und diskutiert und am Ende Vereinbarungen getroffen.
Nach erfolgter Konfliktbearbeitung rechnen wir dann die Aufwandsentschädigung ab. Natürlich unterstützen wir auch zwischendurch, wenn es Fragen oder Anliegen gibt.
Ihr stellt auf eurer Website verschiedene Materialien zur Verfügung. Habt ihr Tipps, wie man diese am effizientesten nutzt, wenn man sich vorher mit dem Thema Konfliktmanagement noch nicht näher beschäftigt hat?
Wir schlagen vor, mit „Mediation für die Hosentasche“ anzufangen – diese zwei knappen Seiten vermitteln ein Gefühl dafür, wie eine Konfliktmoderation abläuft.
Wer Interesse hat, tiefer einzusteigen oder selbst in der eigenen Gruppe zu moderieren, kann sich das „Handbuch Konfliktmoderation“ vornehmen – darin werden Methoden so beschrieben, dass sie selbst angewendet werden können.
Wie stark wird euer Angebot derzeit genutzt? Habt ihr eher mehr Anfragen, als ihr bearbeiten könnt, oder würdet ihr euch wünschen, dass noch mehr Gruppen eure Unterstützung in Anspruch nehmen?
Im letzten Jahr haben uns tendenziell eher weniger Konflikte erreicht- die konnten wir meistens alle an Moderator*innen vermitteln. Was schon ab und zu vorkommt, ist, dass wir Gruppen und ihre Konflikte leider nicht vermitteln können, weil sie wirklich nicht zu Klimathemen arbeiten. Über sämtliche Anfragen von Klimagerechtigkeitsgruppen freuen wir uns!
Wie groß ist euer Team derzeit? Arbeiten alle Moderator*innen ehrenamtlich? Und sucht ihr aktuell weitere Menschen, die sich engagieren möchten?
Im Team der Verwaltung der Anfragen sind wir zu dritt. Eine Person der KURVE Wustrow e.V., eine Person der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion Baden e.V. und eine Person der Psychologists For Future.
Unser Verteiler umfasst derzeit ca. 230 Moderator*innen, viele davon in der nördlichen Hälfte Deutschlands und ebenfalls sehr viele davon sind inaktiv.
Die Moderator*innen erhalten eine Aufwandsentschädigung – da wir uns im Rahmen der For Future-Bewegungen bewegen, ist es uns wichtig dass unsere Konfliktmoderationen, wie andere For-Future-Angebote auch, kostenlos zur Verfügung gestellt werden.
Grundsätzlich freuen wir uns über weitere Moderator*innen im Verteiler! Voraussetzung dafür ist eine Mediationsausbildung mit Erfahrung in Gruppenmediation, die Konfliktmoderations-Fortbildung der KURVE Wustrow oder vergleichbare Qualifikationen. Wer mitmachen will, kann sich hierüber melden: KonfliktmoderationforfutureMitmachen
Ihr werdet vom Movement Hub unterstützt. Was ist das und welche Rolle spielt diese Unterstützung für eure Arbeit?
Der Movement Hub unterstützt uns v.a. finanziell. Wir wollen unseren ehrenamtlich arbeitenden Moderator*innen gern eine Aufwandsentschädigung zahlen, denn die Arbeit in der Moderation von Konflikten ist sehr anspruchsvoll. Die Konfliktmoderation bleibt eine ehrenamtliche Tätigkeit, aber wir sind sehr froh, mit Hilfe des Movement Hub eine Aufwandsentschädigung zahlen zu können.
Habt ihr den Eindruck, dass sich die Konflikte innerhalb der Klimabewegung in den vergangenen Jahren verändert haben? Falls ja: Worin zeigen sich diese Veränderungen?
Viele Menschen, die sich mit der Klimakrise beschäftigen, geht es aufgrund der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage nicht gut. Das schlägt sich natürlich auch in den Gruppen nieder, aber einen Überblick haben wir an dieser Stelle nicht.
Viele Menschen empfinden Konflikte als belastend oder sogar als Zeichen des Scheiterns. Welche positiven Effekte können Konflikte aus eurer Sicht in einer gut funktionierenden Gruppe haben?
Konflikte gehören zum Leben dazu, auch zur ehrenamtlichen Arbeit in Gruppen. Wenn ein guter Umgang mit ihnen gefunden wird, dann können sie auch fruchtbare Diskussionen und Veränderungen auslösen. In ehrenamtlichen Gruppen haben allerdings oft alle Menschen wenig Ressourcen und es steht ja oft auch ein sehr konkretes Anliegen im Raum, für das Menschen sich zusammengefunden haben. Dann werden Konflikte oft als störend, beängstigend oder schlicht nervig wahrgenommen, denn sie kosten Nerven und Zeit. Wenn es aber gelingt, die Konflikte in konstruktiver, zugewandter Weise auszuhandeln, dann kann eine Gruppe – und deren einzelne Mitglieder – daran wachsen: die Gruppe hat ein gemeinsames Erfolgserlebnis und geht idealerweise gestärkt daraus hervor. Nun kennen die einzelnen Personen einander besser, was die weitere Zusammenarbeit erleichtern kann. Außerdem ist ein konstruktiver Umgang mit unterschiedlichen Meinungen eine wesentliche Fähigkeit um in polarisierten Zeiten zusammenzuarbeiten.
Konflikte werden häufig erst dann sichtbar, wenn sie bereits eskaliert sind. Woran können Gruppen erkennen, dass sich ein Konflikt entwickelt, und wie können sie damit umgehen?
Es gibt in jeder Gruppe mit Sicherheit Menschen, die auch aufziehende Konflikte sehr wohl bemerken. Es ist nur die Frage, ob diese Menschen die Möglichkeit haben, das zu thematisieren und wie die Gruppe dann damit umgeht. Check-Ins und Check-Outs am Anfang und Ende von Meetings sind z.B. ein sehr guter Weg, „Störungen“ anzusprechen, beginnende Konflikte ins Bewusstsein zu rufen und der Bearbeitung zugänglich zu machen.
Typische Anzeichen für entstehende Konflikte können z.B. sein: Rückzug einzelner Personen, vermehrte Du-Botschaften, schärfer werdende Tonfälle im Miteinander, pauschale Aussagen („immer machst du…“, nie gehst du…“), das Entstehen von Grüppchen, etc. – all dies sollte unbedingt ernst genommen und frühzeitig angesprochen werden.
Was kann jede Klimagruppe tun, um Konflikten vorzubeugen, bevor sie eskalieren?
Es ist vor allem wichtig, zwischenmenschlichen Themen und inhaltlichen Differenzen Raum zu geben und sinnvolle Wege zur Entscheidungsfindung zu etablieren. Auch über gegenseitige Erwartungen sollte mensch in Gruppen sprechen können. Hilfreich sind Abmachungen zum Miteinander und klare Räume, in denen zumindest kurz mitgeteilt werden kann, wie es den einzelnen Personen gerade geht (z.B. Check-In-Runden). Auch sollte darüber gesprochen werden, wie mit diskriminierendem Verhalten und Grenzüberschreitungen umgegangen wird.