Unsere Gastautorin Mariem Madhi aus Tunesien stellt uns Gabès vor. Die Stadt ist zugleich Brennpunkt und Symbol für Klimagerechtigkeit im ganzen Land.
Wenn es in Tunesien einen Ort gibt, an dem sich Umweltwidersprüche physisch manifestieren, dann ist es Gabès. Die südöstliche Stadt, einst als „einzige Küstenoase der Welt” gefeiert, kämpft seit Jahrzehnten mit extremer industrieller Verschmutzung. Das erzeugt Debatten über Umweltpolitik, die von abstrakten Verhandlungen bis zur Frage des unmittelbaren Überlebens gehen. Seit 1972 verarbeitet die staatliche tunesische Chemiegruppe (GCT) in Anlagen, die sich direkt im Stadtgebiet befinden, Phosphatgestein zu Phosphorsäure und Düngemitteln. Das umweltschädliche Nebenprodukt ist das, was die Einwohner „El-bakhara” nennen: giftiger Dampf und Dunst, der zum Sauerstoff der Stadt geworden ist.

Die Verschmutzung ist dreidimensional: Luftverschmutzung durch Emissionen aus der Verarbeitung, Bodendegradation durch Abfallansammlungen und Zerstörung der Meere durch Entsorgungspraktiken. Das Ausmaß der Schäden ist dokumentiert und quantifizierbar. Für jede Tonne produzierter Phosphorsäure fallen fünf Tonnen Phosphorgipsabfälle an. Diese Abfälle enthalten Uran und Radium und sind daher radioaktiv. In 25 Jahren wurden schätzungsweise 70 Millionen Tonnen Phosphorgips direkt in den Golf von Gabès gekippt. Die Auswirkungen auf die Meeresumwelt sind katastrophal: Etwa 90 % der Posidonia oceanica-Wiesen im Golf wurden zerstört. Der Verlust von Posidonia hat Auswirkungen, die über die Artenvielfalt hinausgehen. Dieses mediterrane Seegras fungiert als Küsteninfrastruktur; es leitet Wellenenergie ab, stabilisiert Sedimente und verhindert auf natürliche Weise Erosion. Es dient auch als riesiger Kohlenstoffspeicher, der pro Quadratkilometer doppelt so viel Kohlenstoff speichert wie terrestrische Wälder. Seine Zerstörung hat daher vielfältige Auswirkungen: erhöhte Anfälligkeit der Küsten, Verlust von Fischereihabitat und Freisetzung von gespeichertem Kohlenstoff.
Gabès: Tunesiens Umwelt-Tschernobyl
Die gesundheitlichen Folgen haben Gabès den düsteren Ruf als „Krebshauptstadt“ Tunesiens eingebracht, mit dokumentierten erhöhten Raten von Atemwegserkrankungen, Krebs und Osteoporose. Die Krise erreichte im September und Oktober 2025 ihren Höhepunkt, als Gaslecks aus den GCT-Anlagen 122 Vergiftungsfälle verursachten. Was Gabès für die Analyse der Klimagerechtigkeit besonders bedeutsam macht, ist das Versagen der Regierungsführung, das es offenbart.
Im Juni 2017 erließ die Regierung ein Dekret, das den Abbau der umweltverschmutzenden Anlagen anordnete. Das Dekret wurde jedoch nie im Amtsblatt veröffentlicht, was für seine Rechtskraft erforderlich gewesen wäre. Diese Zurückhaltung machte die Politik praktisch zunichte, während der Anschein von Handeln gewahrt blieb – eine Praxis, die Aktivist:innen als „staatliches Verbrechen des Schweigens” bezeichnen. Die wirtschaftliche Kalkulation, die dieser Untätigkeit zugrunde liegt, ist brutal klar: Die Phosphatindustrie erzielte 2023 einen Umsatz von 61,7 Millionen US-Dollar durch den Export von Düngemitteln nach Bangladesch, Brasilien, Frankreich und Italien. Aus Sicht des Staates unterstützen diese Einnahmen den Staatshaushalt, die Beschäftigung und die Exporterlöse. Aus Sicht der Einwohner werden sie als „akzeptable Opferzonen” behandelt, in denen der wirtschaftliche Nutzen auf nationaler Ebene anfällt, während sich die Gesundheitskosten lokal konzentrieren.
Die „Stop Pollution”-Bewegung: Vom Protest zur Macht
International hat sich Tunesien sehr aktiv an der Entwicklung internationaler und nationaler Klimapolitik beteiligt. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind vorhanden: Die Verfassung von 2022 enthält Artikel 47, der den Bürgern das Recht auf eine gesunde und ausgewogene Umwelt garantiert und den Umweltschutz als staatliche Verantwortung und nicht als optionales Ziel festlegt. Das Land ratifizierte 1993 das UNFCCC, 2002 das Kyoto-Protokoll und 2016 das Pariser Abkommen und positionierte sich damit als Vorreiter in der Klimapolitik in der Region. Das größte Hindernis ist aber weiterhin die institutionelle Instabilität. Das tunesische Umweltministerium wurde wiederholt umstrukturiert, mit anderen Ministerien fusioniert, wieder aufgeteilt und erlebte einen Führungswechsel, der eher mit politischen Umwälzungen als mit einem regulären politischen Zyklus zu tun hat. Diese institutionellen Umwälzungen stören die langfristige Planung, schwächen die Koordination zwischen den Ministerien, und untergraben das Vertrauen zwischen Regierungsbehörden und zivilgesellschaftlichen Organisationen, die für eine nachhaltige Zusammenarbeit stabile Partner benötigen. Umweltinitiativen, die eine mehrjährige Kontinuität, Infrastrukturentwicklung, Kampagnen zur Änderung des Verhaltens der Öffentlichkeit und Systeme zur Durchsetzung von Vorschriften erfordern, haben Schwierigkeiten, wenn sich der institutionelle Rahmen ständig ändert.

Das anhaltende Versagen der offiziellen Stellen löste eine starke Mobilisierung der Basis aus. Die „Stop Pollution”-Bewegung, die um 2017 an Bedeutung gewann, verwandelte den Kampf von Gabès von individuellen Beschwerden in eine größere politische Forderung nach Umweltgerechtigkeit. Die Entwicklung der Bewegung bietet wichtige Einblicke darin, wie die Zivilgesellschaft die Klimapolitik in Kontexten prägt, in denen formale demokratische Kanäle nur unvollkommen funktionieren. Die taktische Entwicklung der Bewegung war ausgefeilt. Die ersten Mobilisierungsmaßnahmen konzentrierten sich auf die Dokumentation, das Sammeln medizinischer Beweise, das Fotografieren von Verschmutzungsvorfällen und die Sichtbarmachung von Schäden, die seit langem normalisiert waren. Mit zunehmender organisatorischer Kapazität wurden die Taktiken um rechtliche Schritte, Medienkampagnen und strategische Allianzen mit nationalen Gewerkschaften erweitert. Im Oktober 2025 mobilisierte die Bewegung 40.000 Einwohner zu Demonstrationen, eine Zahl, die während eines Generalstreiks auf 130.000 anstieg.
Granatapfel und Quffa: Symbole machen Klimapolitik für alle verständlich
Was „Stop Pollution“ von früheren Umweltprotesten unterscheidet, ist seine Herangehensweise. Anstatt die oft lähmende Erzählung „Umwelt gegen Beschäftigung“ zu akzeptieren, formuliert die Bewegung das Thema neu als „verfassungsmäßige Rechte gegen staatlich geförderte Schäden“. Die Aktivist:innen berufen sich auf Artikel 47 der Verfassung, der das Recht auf eine gesunde Umwelt garantiert, und positionieren ihre Forderungen als Durchsetzung bestehender Gesetze und nicht als unrealistischen Idealismus.

Die Kraft der Bewegung beruht nicht allein auf Opposition, sondern auf dem Angebot einer alternativen Vision: einer nicht-kolonialen wirtschaftlichen Entwicklung, die verfassungsmäßige Gesundheitsrechte über extraktionsgetriebene Einnahmen stellt. Die Aktivist:innen verwenden aussagekräftige kulturelle Metaphern, wie den Granatapfel, der für die ignorierte lokale Ernte steht, und den Quffa (traditioneller Palmkorb), der die leeren Versprechungen der Regierung symbolisiert, um eine narrative Kohärenz zu schaffen, die über Umweltexperten hinaus Resonanz findet.
Was sich hier abzeichnet, ist keine simple Erfolgsgeschichte – Tunesien hat seine Umweltprobleme nicht „gelöst“ –, sondern ein komplexer Verhandlungsprozess, in dem mehrere Akteure Druck ausüben, zusammenarbeiten, innovativ sind und gelegentlich erfolgreich sind, um schrittweise Klimaresilienz aufzubauen. Der Weg ist uneben, die Fortschritte sind fragil und es gibt Rückschläge. Aber die Richtung geht hin zur Erkenntnis, dass Umweltschutz kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit ist.
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Mariem Madhi ist Gastautorin bei Mission Morgen und eine tunesische Expertin für Klimapolitik und Klimagerechtigkeit. Sie setzt sich für gerechte und inklusive Umweltpolitik in Tunesien und der MENA-Region ein, wobei ihr Schwerpunkt auf Klimaresilienz, Gerechtigkeit und nachhaltiger Entwicklung liegt. Durch ihr zivilgesellschaftliches Engagement setzt sie evidenzbasierte Forschung in umsetzbare Strategien um, um Gemeinschaften zu stärken und systemische Veränderungen für eine nachhaltige Zukunft voranzutreiben.