Was die Kirche mit der Klimabewegung zu tun hat

Als 2019 die Fridays for Future Bewegung auf die Straßen ging, wollten auch viele Menschen aus den Kirchen nicht nur zuschauen. „Churches for Future“ wurde gegründet, um die Klimaproteste zu unterstützen und Klimaschutz in den eigenen Gemeinden und Organisationen voranzubringen. Im Interview erzählen von Matilda Franz von Churches for Future, wie sich das Netzwerk seit 2019 entwickelt hat, was Kirchen für Klimagerechtigkeit tun können und warum die Klimabewegung auch heute auf Unterstützung aus den Kirchen zählen kann.

Was war der Anlass für die Gründung von „Churches for Future“ im Jahr 2019 und wie hat sich die Initiative seitdem entwickelt?

Auf dem Netzwerktreffen des „Ökumenischen Netzwerks Klimagerechtigkeit“ im April 2019 wurde beschlossen, sich mit den Fridays for Future zu solidarisieren. Die Klimastreiks der Fridays begannen zu der Zeit an Fahrt aufzunehmen. Die im Netzwerk vertretenen kirchlichen Akteur*innen unterstützten das Anliegen der Schüler*innen und wollten dies zum Ausdruck bringen. Im Mai 2019 wurde ein Aufruf „Solidarisierung von Kirchen und Organisationen mit „Fridays for Future“ veröffentlicht, in dem kirchliche Organisationen eingeladen wurden, diesen als Churches for Future zu unterstützen. Diesem Aufruf schlossen sich in der Folgezeit mehr als 60 kirchliche Organisationen an.

Ab 2019 riefen die Churches for Future zu jedem Klimastreik der Fridays for Future auf und mobilisierten in ihren eigenen Organisationen und Gemeinden mit Klimaandachten, Glockenläuten fürs Klima und kreativen Aktionen. Es entstanden bundesweite Vernetzungstreffen und lokale Gruppen der Churches for Future, die in ihren Städten auch weitere Aktionen und Veranstaltungen durchführten. Nach den Hochzeiten der Fridays for Future wurde auch das Engagement der Churches for Future weniger sichtbar, aber bis heute gibt es die bundesweite Vernetzung und die Unterstützung der Klimastreiks.

Im April 2025 fusionierte das „Ökumenische Netzwerk Klimagerechtigkeit“ mit dem Ökumenischen Prozess „Umkehr zum Leben“ zu dem heutigen ökumenischen Netzwerk „Eine Erde“.

Welche Möglichkeiten haben Kirchen, sich für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit einzusetzen, oder ihre Solidarität mit der Klimabewegung deutlich zu machen? 

Die katholische und evangelische Kirche in Deutschland verstehen die Bewahrung der Schöpfung seit vielen Jahren als zentralen Bestandteil ihres gesellschaftlichen und spirituellen Auftrags. Diözesen und Landeskirchen, Orden und kirchliche Organisationen haben zum Teil vor 20 Jahren schon begonnen, ihre Arbeitsweisen nachhaltig auszurichten und Klimaschutzkonzepte zu entwickeln. Diese umfassen neben den praktischen Handlungsfeldern „Beschaffung und Mobilität“ und „Gebäude“, zu dem Energieeinsparung und Effizienzsteigerung sowie der Umstieg auf die erneuerbaren Energieträger gehören, auch die pastoralen Dimensionen „Verkündigung“, „Feier der Gottesdienste“ und „Bildung“.

Nicht zuletzt bekennen sich die Kirchen auch gesellschaftspolitisch zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit mit öffentlichen Stellungnahmen von Kirchenleitenden und den Kommentaren zu Gesetzesvorhaben durch das Katholische Büro in Berlin und die EKD. Mit ihren weltweiten Partnerschaften wird auch die globale Perspektive der Klimagerechtigkeit glaubwürdig vertreten. Die Hilfswerke „Brot für die Welt“ und „Misereor“ spielen eine zentrale Rolle in den Fragen der internationalen Klimapolitik. Weiterhin ist natürlich auch die öffentliche Unterstützung der Klimabewegung und die sichtbare Teilnahme an den Streiks und Demonstrationen begrüßenswert.

Mit welchen Aktionen unterstützt ihr die Klimabewegung? 

Es gibt zahlreiche Verbindungen zur Klimabewegung. Als Teil des deutschen For-Future-Bündnisses stehen die „Churches for Future“ im regelmäßigen Austausch mit vielfältigen For-Future-Gruppen. Aufrufe und Beteiligung an den Klimastreiks und Protestaktionen sowie Petitionen sind eine Form der Unterstützung.

Churches for Future möchte nicht nur öffentlich Solidarität mit der Klimabewegung zeigen, sondern auch die Auseinandersetzung mit Klimaschutz innerhalb der eigenen kirchlichen Strukturen vorantreiben. Was bedeutet das konkret? 

Durch die Mobilisierung und die Aufrufe der Churches for Future haben Klimaschutz und Klimagerechtigkeit auch innerhalb der Organisationen an Sichtbarkeit und Relevanz gewonnen. Die große öffentliche Aufmerksamkeit 2019 hat dem Thema intern Schub verliehen. Schließlich haben kirchliche Organisationen in den bereits beschriebenen praktischen und pastoralen Handlungsfeldern viele verschiedene Möglichkeiten, aktiv zu werden. Das ist auch für die Glaubwürdigkeit nach außen sehr wichtig.

Wie schätzt ihr ein, wie weit die Kirchen in Deutschland bei Klimaschutz und Klimagerechtigkeit inzwischen sind? Wo seht ihr Fortschritte und wo besteht noch Handlungsbedarf? 

Angesichts der Vielfalt der kirchlichen Institutionen ist keine eindeutige Aussage hierzu zu treffen. Die Mehrzahl der Landeskirchen und Bistümer hat sich klare Ziele gesetzt, bis wann sie klimaneutral sein wollen. Die Ziele sind teilweise ambitionierter als die staatlichen. Die Klimaschutzkonzepte, die teilweise auch kirchenrechtlich als Klimaschutzgesetze verankert sind, umfassen die Bereiche Gebäude, Beschaffung, Mobilität und Bildung. Für die Umsetzung wurden Fachabteilungen, beispielsweise mit Klimaschutzmanager*innen, etabliert. Der Klimaschutzbericht der EKD 2025 zeigt Fortschritte auf, weist aber auch auf die Herausforderungen hin, vor denen die Landeskirchen bei der Umsetzung ihrer Klimaschutzgesetze und -konzepte stehen. Die größte Herausforderung besteht in dem Gebäudebestand der Kirchen und dem hohen Prozentsatz fossiler Wärmeversorgung in kirchlichen Gebäuden. Große Fortschritte gibt es bei der Datenerfassung, um die Energieverbräuche systematisch zu erfassen. Eine ähnliche Situation stellt sich bei der katholischen Kirche dar. 

Welche Veränderungen würdet ihr euch in den kommenden Jahren von den Kirchen in Deutschland wünschen, wenn es um Klimaschutz und Klimagerechtigkeit geht?

Die Kirchen befinden sich angesichts ihrer abnehmenden Mitgliederzahlen in einem Transformationsprozess. Wir würden uns wünschen, dass sie sich weiter klar zu den Klimaschutzzielen bekennen und ihre Ressourcen weiterhin in die Umsetzung der Maßnahmen investieren. Gleichzeitig darf ihre Stimme nicht leiser werden im gesellschaftspolitischen Diskurs.

Wie gelingt es euch, Kirchengemeinden für Klimaschutz zu gewinnen, die sich bisher noch wenig mit dem Thema beschäftigt haben?

Es ist wichtig, Klimaschutz nicht als zusätzliche Aufgabe zu verstehen, sondern eher die Chancen und Machbarkeit aufzuzeigen. Was gewinnt eine Kirchengemeinde, wenn sie sich auf den Weg macht? Dazu helfen praktische Umsetzungsbeispiele und der Austausch mit anderen Gemeinden, in denen Nachhaltigkeit gelebt wird. Tolle Ideen, wie Klima- und Umweltschutz in den Gemeindealltag integriert werden können, gibt es zum Beispiel im Bereich Biodiversität: Gemeinsam dürreresistente und insektenfreundliche Beete anzulegen, schafft Gemeinschaft und einen schönen Kirchort.

Kirchen sind Orte, an denen sehr unterschiedliche Menschen mit ganz verschiedenen politischen und persönlichen Überzeugungen zusammenkommen. Wie geht ihr damit um, wenn Klimaschutz innerhalb einer Gemeinde unterschiedlich bewertet wird?

Den Menschen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, ist eine Voraussetzung für einen guten Austausch. Es führt nicht weiter, allein mit Argumenten zu überzeugen, es braucht auch die Ansprache des Herzens. Langfristig werden sich alle Gemeinden mit den Folgen des Klimawandels und Fragen des Klimaschutzes auseinandersetzen müssen.

Wie unterscheidet sich kirchlicher Klimaaktivismus von anderen Formen des Klimaaktivismus? Was können Kirchen und kirchliche Gruppen in die Klimabewegung einbringen, das andere Akteur*innen vielleicht nicht können?

Der kirchliche Klimaaktivismus verwendet eine andere Sprache und führt kirchenspezifische Aktionen durch wie Klimaandachten, Gebete für unsere Erde, Klimapilgern oder das Klimafasten. Die kirchlichen Aktivist*innen können hoffnungsgebende Narrative einbringen, aber haben auch wertvolle Expertise im Umgang mit den negativen Gefühlen, die die Klimakrise mit sich bringt, wie Angst und Trauer.  

Auf eurer Website wird auch die Zusammenarbeit mit Christians for Future hervorgehoben. Wie unterscheiden sich die beiden Initiativen in ihrer Arbeit und wo überschneiden sie sich?

Während die Churches for Future aus kirchlichen Organisationen bestehen oder ihnen sehr nahe sind, sind individuelle Aktivist*innen, die sich als Christ:innen verstehen, bei den Christians for Future engagiert – als Privatpersonen. In ihren inhaltlichen Zielen unterscheiden sich die beiden Gruppierungen jedoch wenig. Wir ergänzen uns in unserer Art der Ansprache und der Zielgruppe.

Mit welchen anderen For-Future-Gruppen steht ihr im Austausch und wie sieht die Zusammenarbeit konkret aus?

Über das For-Future-Bündnis besteht der Kontakt zu vielen verschiedenen For-Future-Gruppen. Engere Kooperationen ergeben sich projektbezogen: zu einzelnen Aktionen, zum Beispiel zum Hamburger Zukunftsentscheid, für Publikationen, bei Veranstaltungen oder für den fachlichen Austausch, wie bei der Aktion „Gebäude nachhaltig mit Leben füllen“ vom Netzwerk Eine Erde. Bei letzterem Projekt gab es immer wieder Austausch mit den Parents for Future, den Omas for Future und den Architects for Future. 

Was macht euch Hoffnung, dass Kirchen eine stärkere Rolle bei der sozial-ökologischen Transformation spielen können?

Wir können dabei helfen, dass Menschen die Schöpfung als Geschenk und als uns gegebene Verantwortung erleben. Als Seelsorger:innen wollen wir Mut und Kraft für diese Zeiten des Umbruchs und der Krisen geben. Die christliche Botschaft ist eine der Hoffnung!

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