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Wer hat Angst vorm Klimawandel? Zwischen Ohnmacht, Engagement und Hoffnung

Der Klimawandel bedroht unsere Zukunft, besonders bei jungen Menschen nimmt die Klimaangst zu. Wann wirkt sie aktivierend, und wann lähmend? Und wie bewahrt man sich Zuversicht und aktivistische Entschlossenheit?

Viele junge Menschen blicken mit Sorge auf eine Zukunft, die von immer häufigeren Extremwetterereignissen, Umweltverschmutzung, Artensterben, Naturkatastrophen und möglichen Ernteausfällen geprägt sein könnte. Hinzu kommt der Ärger über eine Politik, die sich der Verantwortung für klimabedingte Migration bislang kaum stellt. Vor diesem Hintergrund fragen sich viele, ob sie Kinder in eine Welt setzen wollen, in der politische Entscheidungen oft nicht im Interesse junger Menschen getroffen werden – ganz nach dem Motto „Planeten gibt es viele, unsere Wirtschaft nur einmal“, wie es auf einem Plakat der PARTEI in gewohnt satirischer Bissigkeit heißt.

Dieses Empfinden hat einen wissenschaftlichen Namen: Klimaangst. Der Terminus beschreibt die existenzielle Furcht vor dem Klimawandel und dessen weitreichenden Folgen. Neben Angst werden häufig weitere Klimaemotionen verspürt, etwa Besorgnis, Traurigkeit, Wut oder Ohnmacht. Bei einer Befragung von 2021 gaben drei Viertel der befragten 10.000 Personen zwischen 16 und 25 Jahren an, dass sie mit Angst in die Zukunft blicken.

Diverse group of young activists holding signs at a climate protest outdoors.

Klimaangst wird von Menschen auf der ganzen Welt berichtet, stärker jedoch im globalen Süden als im globalen Norden. Das leuchtet ein, fallen die Auswirkungen des Klimawandels im globalen Süden doch in der Regel deutlich heftiger aus. Ansonsten verspüren junge Menschen, naturverbundene Personen und Leute, die sich viel über den Klimawandel informieren, häufiger Klimaangst als ältere Personen oder Menschen, die sich wenig für die Natur und den Klimawandel interessieren.

Von Stress bis zum „Activist Burnout“

Umweltverschmutzung und Klimawandel stellen nicht nur eine Bedrohung für die körperliche Gesundheit dar, sondern gefährden gleichermaßen das mentale Wohl: Anhaltende Angst- und Ohnmachtsgefühle erhöhen das Risiko für Depression und Suizidalität; Naturkatastrophen zu erleben, kann zu einer Traumafolgestörung führen; bereits vorliegende psychische Erkrankungen können durch Angst und Stress durch den Klimawandel aufrechterhalten werden; und Menschen können Ressourcen verlieren, wenn sie zum Beispiel aufgrund hoher Temperaturen weniger Sport treiben, obwohl Sport einen wichtigen Ausgleich für sie darstellt. Studien zeigen auch, dass Klimaangst zu einer höheren Zurückhaltung in der Kinderplanung führt und Betroffene häufiger zwischen überforderndem Aktivismus – bis hin zum „Activist Burnout“ – und frustrierter Vermeidung pendeln, was das Wohlbefinden ebenfalls aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Ist Klimaangst wirklich schlecht?

Trotzdem: Mit Angst auf den Klimawandel zu reagieren, ist nicht unbedingt negativ. In erster Linie ist es eine nachvollziehbare und vernünftige Reaktion auf eine reale Bedrohung, und womöglich würden politische Entscheidungen klimafreundlicher ausfallen, empfänden Politiker*innen ein hohes Maß an Klimaangst. Denn tatsächlich zeigen Studien, dass sich Menschen mit Klimaangst mehr für Klimaschutz engagieren; auch Wut gilt als aktivierende Emotion, die zu Engagement für die Umwelt motivieren kann. Entscheidend ist folglich, sich von der Klimaangst nicht lähmen zu lassen, sondern sie als Antrieb für klimapolitisches Engagement zu nutzen. Eine schwierige Aufgabe, die sich besser bewältigen lässt, wenn man sich mit Gleichgesinnten zusammentut und wenn Klimaangst gesellschaftlich und politisch stärker wahrgenommen und adressiert würde.

Und jetzt? Aktivismus ohne Überforderung

Zu sehen, dass man nicht allein ist mit der Sorge um das Klima, ist natürlich hilfreich. Denn Klimaangst sollte nicht als individuelle Schwäche verstanden werden, die man in den Griff bekommen müsse. Denn eigentlich ist das Gegenteil der Fall: Angst hat die evolutionäre Funktion, uns bei Gefahr zu alarmieren und zu einem konstruktiven Verhalten zu animieren. Sie wird erst dann zur Belastung, wenn sie ungerechtfertigt auftritt oder lähmend wirkt. 

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Gemeinsam blicken wir hoffnungsvoller in die Zukunft – trotz Klimaangst.

Um sich für das Klima einzusetzen, ohne die eigene psychische Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sind Zuversicht und Widerstandskraft unerlässlich. Aus der Forschung von Sarah Stapel und Eva-Lotta Brakemeier, Wissenschaftlerinnen im Fachbereich Psychologie an der Universität Greifswald, lassen sich drei zentrale Tipps für einen konstruktiven Umgang mit Klimaangst ableiten:

1. Engagement statt Überkompensation

Es kann guttun, sich aktiv einzubringen – etwa indem man an einer Klimademo teilnimmt, öfter mit der Bahn fährt, weniger Fleisch konsumiert oder im Alltag Müll trennt. Gleichzeitig sollte man sich nicht dafür verurteilen, wenn man einmal mit dem Auto fährt, einen Flug nimmt oder nicht immer „perfekt nachhaltig“ lebt: Klimaschutz ist eine gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe und keine individuelle Reinheitsprüfung.

 2. Selbstfürsorge statt Vermeidung

Selbstfürsorge kann bedeuten, bewusst Pausen von negativen Nachrichten einzulegen, Zeit in der Natur oder mit Freund:innen zu verbringen, ausreichend zu schlafen oder sich kreative und entspannende Ausgleiche zu suchen. Hilfreich ist auch, sich mit anderen auszutauschen und anzuerkennen, dass niemand die Klimakrise allein lösen kann.

3. Akzeptanz statt Erduldung

Die Klimakrise ernst zu nehmen, bedeutet nicht, sich von Angst oder Hoffnungslosigkeit lähmen zu lassen, sondern die Realität anzuerkennen und handlungsfähig zu bleiben. Statt ständig über Worst-Case-Szenarien nachzudenken, kann man sich auf konkrete Schritte konzentrieren und gleichzeitig akzeptieren, dass nicht alles in der eigenen Hand liegt.

Obwohl sich Politik und Konzerne scheuen, Klimaschutz und Nachhaltigkeit zur Priorität zu erklären; obwohl immer noch viele laute Stimmen in der Gesellschaft den Klimawandel leugnen; obwohl manche Kipppunkte bereits erreicht worden sind: Handeln ist nicht vergebens, vor allem, wenn man Gleichgesinnte um sich hat. Es ist weiterhin möglich, Treibhausgasemissionen substanziell zu reduzieren. Es gibt zahlreiche Forschende, die sich mit der Postwachstumsgesellschaft und mit Nachhaltigkeit in Unternehmen und Institutionen beschäftigen. Und es werden jedes Jahr neue Technologien entwickelt, die dem Klimawandel entgegenwirken können. Deshalb: Klimaaktivismus lohnt sich, aber es ist wichtig, sich auch mal Pausen zu gönnen, über Ängste zu sprechen und sich mit anderen zusammenzutun.

Lesetipps

Dohm, L. & Schulze, M. (2022). Klimagefühle – Wie wir an der Umweltkrise wachsen, statt zu verzweifeln. Knaur HC

Hickman, C., Marks, E., Pihkala, P., Clayton, S., Lewandowski, R. E., Mayall, E. E., … & Van Susteren, L. (2021). Climate anxiety in children and young people and their beliefs about government responses to climate change: a global survey. The Lancet Planetary Health, 5(12), e863-e873.

Stapel, S., & Brakemeier, E. L. (2025). Verhaltenstherapie im Kontext der Klimakrise. In E. L. Brakemeier & F. Jacobi (Hrsg.). Verhaltenstherapie in der Praxis (2., S. 923–931). Weinheim: Beltz.

Van Bronswijk, K. (2022). Klima im Kopf: Angst, Wut, Hoffnung: Was die ökologische Krise mit uns macht. oekom.

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