Der Wert der Dunkelheit

Die Perseiden sind der Anlass – die Dunkelheit die eigentliche Geschichte. Warum ein möglichst natürlicher Nachthimmel heute nicht nur für Sternschnuppen, sondern auch für Tiere und Pflanzen wichtig ist, zeigt ein Besuch in der Sternwarte Gummer.

Je näher die einzige Sternwarte Südtirols rückt, desto ursprünglicher wirkt die Landschaft. Dichte Wälder und Wiesen umgeben das Gelände, die weißen Kuppeln zeichnen sich in der Abenddämmerung vom pastellblauen Himmel ab. Noch ist es hell. Mit jeder Minute verschwindet mehr Licht hinter den Eggentaler Dolomiten, die Konturen der Berge werden weicher  – und der Himmel gibt bald den Blick auf Sterne, Planeten und ferne Galaxien frei.

Für viele ist es ein jährlich wiederkehrendes Naturschauspiel: der Sternschnuppenstrom der Perseiden. Zwischen Mitte Juli und Ende August durchquert die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne die Staubspur des Kometen Swift-Tuttle. Die meist nur wenige Millimeter großen Staubteilchen treffen mit hoher Geschwindigkeit auf die Erdatmosphäre. In rund 100 Kilometern Höhe erhitzen sie sich durch den Luftwiderstand, verglühen und werden als Sternschnuppen sichtbar. Ihren Höhepunkt erreicht der Meteorstrom in der Nacht vom 12. auf den 13. August – in diesem Jahr begleitet von einer partiellen Sonnenfinsternis am selben Abend.

Um die Perseiden überhaupt gut beobachten zu können, braucht es vor allem eines: Dunkelheit. Künstliches Licht von Straßen, Gebäuden oder Werbetafeln hellt den Nachthimmel auf und lässt schwächere Sterne und Sternschnuppen verschwinden. Genau deshalb ist Gummer ein besonderer Beobachtungsort. Gemeinsam mit Steinegg bildet der Ort das erste Europäische Sternendorf – eine Auszeichnung, die nicht nur mit der Sternwarte zusammenhängt, sondern auch mit dem bewussten Umgang mit künstlichem Licht.

Die Sternwarte Gummer wurde 2002 eröffnet. Heute ermöglichen zwei Kuppeln Himmelsbeobachtungen bei Tag und bei Nacht.

Bereits vor rund 15 Jahren stellte die Gemeinde Karneid ihre Straßenbeleuchtung um. Das warme Licht wird gezielt nach unten gelenkt und strahlt nicht mehr in den Himmel. So bleibt die natürliche Dunkelheit erhalten – zum Vorteil von Astronomie und Natur gleichermaßen. „Die Dörfer sind auf das Sternendorf ausgerichtet. Das Licht ist warm und wird nur nach unten abgestrahlt – nicht zur Seite und nicht nach oben“, erklärt Stephanie Wolters, Lehrerin und langjährige Mitarbeiterin der Sternwarte.

Doch eine wirklich dunkle Nacht ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Künstliches Licht verändert die Nacht – und damit auch die Lebensräume vieler Tiere. „Lichtverschmutzung ist mittlerweile schlimmer als die Luftverschmutzung“, sagt Wolters. Für sie ist der Schutz der Dunkelheit nicht nur eine Frage der Astronomie, sondern auch des Naturschutzes.

Stephanie Wolters arbeitet seit vielen Jahren an der Sternwarte Gummer und vermittelt Besucher*innen, warum natürliche Dunkelheit auch für den Naturschutz wichtig ist.

In vielen Regionen wird der Nachthimmel durch Straßenlaternen, beleuchtete Gebäude oder Werbeanlagen immer heller. Schwächere Sterne verschwinden aus dem Sichtfeld, und auch Sternschnuppen wie die Perseiden sind deutlich schwerer zu erkennen. Die Folgen reichen weit über die Astronomie hinaus: Viele nachtaktive Tiere sind auf natürliche Dunkelheit angewiesen. Nachtfalter, Fledermäuse, Käfer oder Amphibien orientieren sich an den natürlichen Lichtverhältnissen und verändern durch künstliches Licht ihr Verhalten.

„Je dunkler es ist, desto größer ist die Artenvielfalt“, sagt Wolters. Bei ihren wöchentlichen Nachtwanderungen führt sie Besucher nicht nur zu Sternen und Planeten, sondern macht auch sichtbar, welche Tiere erst dann erscheinen, wenn die künstliche Helligkeit verschwindet. 

Noch bevor die Nacht vollständig hereingebrochen ist, setzt sich die tiefergelegene der beiden Kuppeln mit einem leisen Surren in Bewegung. Während die zweite Kuppel für nächtliche Himmelsbeobachtungen genutzt wird, richtet sich das Teleskop schon am frühen Abend auf helle Himmelsobjekte. „Jetzt fährt es Richtung Venus“, sagt Günther Oberwanger, Präsident des Vereins Amateurastronomen Max Valier. Die Venus, unser nächster Nachbarplanet und auch als Abendstern bekannt, gehört zu den ersten Himmelskörpern, die nach Sonnenuntergang erscheinen. Wenige Sekunden später ist das Teleskop auf den Planeten ausgerichtet – bereit für den Blick ins All.

Für die Vereinsmitglieder gehören Wissenschaft und Naturvermittlung untrennbar zusammen. Sie wollen nicht nur erklären, wie das Universum funktioniert, sondern auch zeigen, welchen Einfluss der Mensch auf seine unmittelbare Umgebung hat. „Man muss die Menschen überzeugen, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern indem man ihnen die Schönheit der Natur zeigt“, betont Wolters.

Wer durch eines der Teleskope der Sternwarte blickt, bekommt gleichzeitig eine neue Perspektive auf die Erde. Denn der Blick ins All ist immer auch ein Blick zurück. „Wenn wir ins Universum schauen, blicken wir immer in die Vergangenheit“, erläutert die Lehrerin. Das Licht der Sonne benötigt etwa acht Minuten bis zur Erde, das Licht weit entfernter Galaxien ist Millionen Jahre unterwegs. Wer sie beobachtet, sieht deshalb nicht den gegenwärtigen Zustand dieser Himmelskörper, sondern ihre Vergangenheit.

Gerade diese Dimension macht die Astronomie für viele Menschen so faszinierend. Sie zeigt, wie klein der eigene Alltag im Vergleich zu den Maßstäben des Universums ist. Wolters sagt: „Wer das Universum wirklich versteht, wird sehr demütig. Wir sind nur ein kleiner Teil davon.“

Auch Oberwanger sieht darin einen besonderen Reiz der Astronomie: Nicht alles erklären zu können, gehört für ihn zur Faszination dazu. „Eigentlich ist es auch schön, dass wir noch nicht alles wissen“, merkt Oberwanger während des Rundgangs durch die Sternwarte an.

Mit Einbruch der Dämmerung beginnt in Gummer der Blick in den Nachthimmel – fern von störendem künstlichem Licht.

Mit Einbruch der Dämmerung machen sich Stephanie Wolters und Günther Oberwanger auf den Weg zu einer Nachtwanderung. Bis zu 20 Besucher begleiten sie hinaus in die Dunkelheit. Zwischen Sternbildern und Planeten erklären sie nicht nur den Nachthimmel, sondern auch, warum dessen Dunkelheit Schutz braucht.

Wenn in den Augustnächten die Perseiden über den Himmel ziehen, geht es deshalb um mehr als um ein beeindruckendes Naturschauspiel. Die Sternschnuppen erinnern daran, dass Dunkelheit ein schützenswerter Raum ist.

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