„Kein Mensch kann das Klima der Zukunft vorhersagen“

Ein neuer Fachartikel besagt, dass das pessimistischste Szenario, eine Erwärmung des Planeten von 4,8 Grad bis Ende dieses Jahrhunderts wohl nicht eintreten wird. Unsere Autorin Lena Eith hat bei dem Umweltmeteorologen Dirk Schindler nachgefragt.

Das pessimistischste Szenario zum Klimawandel mit dem Namen RCP8.5 wurde Anfang April in einem Fachartikel für unplausibel erklärt. Das Szenario besagt, dass sich die Erde bis Ende des Jahrhunderts um etwa 4,8 Grad Celsius erwärmen wird. Nun sind Forscher:innen davon abgerückt. Warum ist dieses Szenario unplausibel geworden? Und was bedeutet das für die Klimapolitik? Darüber sprechen wir mit Dirk Schindler, Professor für Umweltmeteorologie an der Universität Freiburg.

Foto © Lena Eith 2026

Hallo Herr Schindler, bevor wir ins Detail gehen – können Sie kurz erklären, was diese Klimaszenarien überhaupt sind und wofür sie entwickelt wurden?

Die Klimawandelszenarien wurden entwickelt, um einen plausiblen, vereinfachten Pfad der Treibhausgasemissionen für die Zukunft zu entwickeln. Das bedeutet: Kein Mensch kann das Klima der Zukunft vorhersagen. Die Vorhersage als solche gibt es möglicherweise im Bereich von Wetter, aber im Bereich Klima gibt es das nicht. Da muss man Projektionen entwickeln. Das sind Abschätzungen, wie sich die Bevölkerung, die Wirtschaft, der Energiebedarf, die Energietechnologien, aber auch die Klimaschutzpolitik entwickeln könnte. Und weil man hier mit sehr großen Unsicherheiten arbeiten muss, versucht man das über verschiedene Szenarien abzubilden.

Die Szenarien spiegeln also unterschiedliche Entwicklungen in den genannten Bereichen wider und fallen dementsprechend verschieden aus?

Genau! Niemand weiß, wie sich politische Entscheidungen in der Zukunft darstellen. Niemand weiß, wie die Gesellschaft in Bezug auf den Klimaschutz ins Handeln kommt. All diese Dinge müssen über Szenarien, also Möglichkeiten „was wäre, wenn“, abgebildet werden. Das führt dazu, dass wir eine ganz große Bandbreite an verschiedenen „Zukünften“ bezüglich Klima haben und diese sind den Szenarien zugeordnet.

Was genau ist das RCP8.5-Szenario und welche Annahmen lagen diesem konkret zugrunde?

Das RCP8.5-Szenario ist ein Szenario, bei dem die fossilen Energieträger zu sehr hohen Treibhausgasemissionen führen – quasi die ungebremste Nutzung fossiler Energieträger.

Infobox: RCPs

Die Representative Concentration Pathways (RCPs) sind Pfade, die verschiedene Entwicklungen der Treibhausgasemissionen vom vorindustriellen Zeitalter bis zum Jahr 2100 beschreiben. Die Zahl hinter dem RCP bezieht sich auf den Strahlungsantrieb (in W/m2) im Jahr 2100 gegenüber dem vorindustriellen Niveau. RCP8.5 steht also für einen zusätzlichen Strahlungsantrieb durch anthropogene Treibhausgase von 8,5 W/m2 im Jahr 2100 im Vergleich zu 1850.

Und wieso wurde dieses Klimaszenario von Klimawissenschaftler*innen nun für unplausibel erklärt?

Vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten haben zum einen die erneuerbaren Energien einen großen Teil der fossilen Stromproduktion abgelöst. Zum anderen hat sich natürlich auch Klimaschutz entwickelt. Nicht so, wie es nötig wäre – im Bereich Klimaschutz könnte man deutlich mehr tun – aber es gibt einen gewissen Klimaschutz. Das bedeutet, die Emissionen, die dieses Szenario trieben, sind nicht mehr realistisch. Ein anderer Aspekt ist, dass sich das Klima auch anders entwickelt, als über diese Szenarien vorgegeben ist. Das muss man natürlich auch, wie in der Wissenschaft üblich, von Zeit zu Zeit überprüfen und anpassen.

„Es ist richtig, dass man das günstige zusammen mit dem ungünstigen Szenario, also die beiden extremen Szenarien, streicht […]“

Das heißt, die Annahmen für das Szenario haben sich verändert, beispielsweise aufgrund des Ausbaus der erneuerbaren Energien. Aber das Szenario an sich war nicht falsch?

Ein Szenario kann eigentlich nicht falsch sein, es kann höchstens unplausibel sein oder werden. Szenarien sind plausible, vereinfachte Beschreibungen zukünftiger Entwicklungen im Klimawandelbereich. Man überlegt sich, was künftige plausible Entwicklungen sind. Aber im Laufe der Zeit kann sich die Plausibilität für ein Szenario ändern. Das hat mit dem Klimawandel als geophysikalisches Phänomen zunächst einmal nichts zu tun. Da geht es vor allem um menschengemachte Treibhausgasemissionen. Da sich das Emissionsaufkommen in den letzten Jahren sehr stark verändert hat, müssen die Szenarien nun angepasst werden.

Das sind ja eigentlich gute Nachrichten. Gleichzeitig wurde nicht nur das Worst-Case-Szenario gestrichen, sondern auch das Best-Case-Szenario, das eine Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad beschrieb. Bedeutet das, dass wir beim Klimaschutz nun auf einem guten oder schlechten Weg sind? 

Wir sind nach wie vor auf einem zu wenig ambitionierten Weg bezüglich Klimaschutz. Zum einen definieren wir den Klimaschutz zu unambitioniert. Zum anderen ist dieser Klimaschutz, der ohnehin unambitioniert definiert ist, in der Umsetzung noch weniger ambitioniert. Das heißt, die Umsetzung dessen, was man sich eigentlich im Klimaschutz erhofft hat, reicht bei Weitem nicht aus, um das günstige Szenario zu erreichen. Daher wird es sicherlich so sein, dass die 1,5 Grad Celsius Schwelle dauerhaft nicht mehr erreichbar sein wird. Deshalb ist es auch richtig, dass man das günstige zusammen mit dem ungünstigen Szenario, also die beiden extremen Szenarien, streicht oder zumindest auf plausiblere Art und Weise beschreibt. 

Aerial view of empty fields near atomic power station generating energy and polluting atmosphere

Welches Szenario spiegelt denn die aktuellen klimatischen Entwicklungen am besten wider und von wie viel Grad Erderwärmung geht dieses bis zum Ende des Jahrhunderts aus?

Ich gehe davon aus, dass wir uns in einem mittleren Szenario bewegen. Das heißt, der Klimaschutz wird in den nächsten Jahrzehnten so fortgeführt, wie er derzeit durchgeführt wird. Damit landen wir irgendwo zwischen zweieinhalb und drei Grad Celsius globaler Lufttemperaturerhöhung bis Ende des Jahrhunderts. Das ist für Europa zurzeit eine extrem ungünstige Größe, weil wir in den letzten Jahrzehnten in Europa eine Lufttemperaturerhöhung mit einem Faktor 2 gemessen haben. Deswegen müssen wir eigentlich sehr stark darauf achten, dass wir hier in Europa den Klimaschutz nicht nur deutlich ambitionierter formulieren, sondern auch viel konsequenter als in den letzten Jahren und Jahrzehnten umsetzen.

Was ist das neue Worst-Case-Szenario und wovon geht das aus?

Das neue Worst-Case-Szenario ist auch ein Hochemissionsszenario. In dem wird aber der Anteil der fossilen Treibhausgasemissionen nicht mehr so hoch wie im RCP8.5 angenommen. Dass die Emissionswerte nicht mehr ganz so hoch sind, ist plausibel. Aber auch mit dem neuen Hochemissionsszenario werden wir wahrscheinlich in einem Bereich um vier Grad Celsius globale Erderwärmung landen. Dieses Szenario trägt schlicht und ergreifend dem Ausbau der erneuerbaren Energien Rechnung. Dementsprechend wird sich der fossile Treibhausgasemissionspfad, vor allem basierend auf Kohle, im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte ein bisschen abschwächen, aber nicht in dem Maße, wie man es vielleicht gerne hätte.

Sie meinten ja, dass wir uns eher auf einem mittleren Pfad befinden. Heißt das, das neue Worst-Case-Szenario ist auch nicht wirklich realistisch oder wie kann man das einordnen?

Das neue ist sicherlich auch wieder ein extremes Szenario. Ich denke jedoch, dass wir diese extremen Szenarien auch brauchen. Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass der aktuelle Klimaschutz so in Zukunft nicht mehr stattfindet. Wir sehen schließlich in den letzten Jahren, dass der Klimaschutz speziell durch regionale, zum Teil auch globale Konflikte in den Hintergrund gerät. Das neue Szenario berücksichtigt also, dass der ohnehin schon zu wenig ambitionierte Klimaschutz künftig noch weiter in den Hintergrund treten könnte. 

Das aktuelle Best-Case-Szenario ist das RCP2.6. Das beschreibt eine Erderwärmung von unter 2 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts. Für wie realistisch halten Sie dieses?

Das halte ich auf der Basis der derzeitigen Klimaschutzbemühungen und Emissionsabschätzung für das kommende Jahrzehnt und für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts für sehr unrealistisch. Das 2.6 bezieht sich auf den Strahlungsantrieb und wir haben im Jahr 2024 schon einen Strahlungsantrieb von rund 3,5 Watt pro Quadratmeter. Das bedeutet, da müsste man entweder sofort und ganz konsequent die Treibhausgasemissionen reduzieren, was ich derzeit nicht sehe, oder man müsste im Laufe des 21. Jahrhunderts in die Lage versetzt werden Treibhausgase, vor allem CO₂, aus der Atmosphäre zu entziehen. Da kommt man dann in den Bereich des Climate Engineerings. Das ist sicherlich ein wichtiger Teil der Diskussion, aber in der Umsetzung, in der Operationalisierung, ist das derzeit noch völlig unzureichend. 

Zum Schluss: Wenn Sie einen politischen Hebel umlegen könnten, um das beste Klimaszenario noch erreichbar zu machen, welcher wäre das?

Das wäre der Ausbau der erneuerbaren Energien auf jeder lokalen, aber auch auf der regionalen und sogar auf der globalen Ebene mit einer Konsequenz, die es bisher nicht gibt. Die Treibhausgasemissionen, die energiebedingt in Baden-Württemberg oder Deutschland emittiert werden, machen rund 85 bis 90 Prozent aller Treibhausgasemissionen aus. Global sprechen wir da von 76 bis 77 Prozent. Das heißt, ohne den Ausbau der erneuerbaren Energien wird es sicherlich keinen konsequenten Klimaschutz geben – weder lokal noch regional noch global.

Dirk Schindler

ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Freiburg. Dirk Schindler hat an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Forstwissenschaften studiert und im Jahr 2004 im Fach Meteorologie promoviert. Von 2004 bis 2015 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Umweltmeteorologie. Im Jahr 2013 hat er sich an der Albert-Ludwigs-Universität im Fach Umweltmeteorologie habilitiert. Im Zeitraum 2015 bis 2017 vertrat er die Professur für Umweltmeteorologie. Sein Forschungsinteresse sind Wechselwirkungen zwischen der Erdoberfläche und der Atmosphärischen Grenzschicht. Er untersucht zurzeit Wind-Baum-Interaktionen, die zur Entstehung von Sturmschäden an Bäumen und in Wäldern führen. Vor dem Hintergrund des derzeit ablaufenden Klimawandels ergründet er Möglichkeiten, die zu Effizienzsteigerungen bei der Nutzung der meteorologisch verfügbaren Windressource führen.

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