Viele Menschen halten Klimaschutz für notwendig. Doch sobald Protest den Alltag stört, verschiebt sich die Debatte: Statt über die Klimakrise wird über blockierte Straßen, provokante Aktionen und die Grenzen des Protests gesprochen.
Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich Gruppen wie Extinction Rebellion oder die Neue Generation, die aus der Letzten Generation hervorgegangen ist. Sie setzen auf Protestformen, die auffallen, irritieren und manchmal auch stören. Ablehnung ist dabei nicht das Ziel. Der Protest soll politischen Druck erzeugen, den klassische Formen aus ihrer Sicht kaum noch aufbauen. Der zentrale Konflikt lautet also: Kann Klimaprotest gleichzeitig Aufmerksamkeit schaffen und Menschen vom eigentlichen Anliegen entfremden?
Warum Störung bewusst gewählt wird
Für Theodor Schnarr, Pressereferent der Neuen Generation, war der Weg zu auffälligen Protestformen auch eine Reaktion auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre. Er war zuvor häufig mit Fridays for Future auf der Straße. Besonders eindrücklich sei der globale Klimastreik am 20. September 2019 gewesen, bei dem nach Angaben der Veranstalter*innen allein in Deutschland rund 1,4 Millionen Menschen demonstrierten. Doch nach der Corona-Pandemie sei vieles wieder in alte Muster zurückgefallen.
„Nach Corona wäre eigentlich ein Moment gewesen, innezuhalten und zu fragen: Wie wollen wir unser Zusammenleben anders gestalten? Stattdessen sind wir gesellschaftlich sehr schnell wieder beim Business as usual gelandet“, sagt Schnarr. Aus dieser Erfahrung entstand für ihn die Frage, welche Protestformen überhaupt noch politischen Druck erzeugen können.
„Gesellschaftlicher Wandel ist schon häufiger passiert. Heute sind wir stolz auf Errungenschaften wie das Frauenwahlrecht oder die Menschenrechte. Aber sie wurden nicht einfach gegeben. Sie wurden erkämpft – durch zivilen Ungehorsam und durch Protestformen, die gestört haben.“
Störung ist aus dieser Perspektive kein Selbstzweck. Sie soll Aufmerksamkeit erzeugen. Schnarr bringt es mit einem Satz auf den Punkt, der in der Bewegung immer wieder aufgegriffen wurde: „Nur Protest, der stört, wird auch gehört.“
Der Protest beginnt mit einem Bild
Auch bei Extinction Rebellion spielt Aufmerksamkeit eine zentrale Rolle. Georg Bronn, Pressesprecher der Bewegung, beschreibt, dass Aktionen oft vom späteren Bild her gedacht werden: „Ganz oft beginnt die Aktionsplanung bei uns mit einem Bild, das wir später in den Zeitungen sehen wollen. Oder mit einem Video, das wir haben wollen“, sagt Bronn.
Als Beispiel nennt er eine Aktion zum 1,5-Grad-Ziel. Große Zahlen aus Holz wurden auf die Straße gestellt, sodass die Polizei sie abbauen musste. Dahinter stand die Idee, ein Bild zu erzeugen: Der Staat baut symbolisch das 1,5-Grad-Ziel ab.
„Uns ist bewusst, welche Macht eine Inszenierung haben kann“, sagt Bronn. „Damit versuchen wir, sehr verantwortungsvoll umzugehen.“
Bilder können Aufmerksamkeit schaffen, aber auch Stimmungen verstärken. Erfolg werde bei Aktionen dennoch häufig zuerst daran gemessen, ob sie mediale Aufmerksamkeit erreichen: ob darüber berichtet wird, ob Fotos erscheinen oder ob ein Beitrag in sozialen Medien funktioniert.
Das Dilemma der Aufmerksamkeit
Wie radikale Botschaften von Umwelt-Influencer*innen in sozialen Medien auf junge Erwachsene wirken, untersuchte ein Forschungsteam, an dem auch der Kommunikationswissenschaftler Jörg Matthes beteiligt war. Für die Studie „Radical Greens? How Environmental Influencers Shape Young Social Media Users’ Perceived Environmental Polarization, Hopelessness, and Collective Action Intentions“ wurden 776 junge Erwachsene in Deutschland befragt. Sie sahen Beiträge von Umwelt-Influencer*innen, die sich unter anderem darin unterschieden, ob radikale Maßnahmen wie Straßenblockaden oder Aktionen gegen Kunstwerke unterstützt wurden.
Die beiden Perspektiven richten sich dabei auf unterschiedliche Zeiträume. Während Schnarr auf gesellschaftliche Veränderungen blickt, die sich oft erst über Jahre zeigen, erfasst die Studie die unmittelbare Reaktion auf einzelne Social-Media-Beiträge. Daraus lässt sich nicht direkt ableiten, wie Menschen auf reale Protestaktionen auf der Straße reagieren. Die Ergebnisse zeigen aber, was besonders zugespitzte Protestbotschaften in sozialen Medien auslösen können.
Ein zentrales Dilemma dabei: Auffälliger Protest funktioniert zunächst, weil er die Logik der Medien nutzt. Konflikte, ungewöhnliche Bilder und starke visuelle Ereignisse erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass berichtet wird. „Die Logik des auffälligen Protests ist zunächst einmal die Generierung von Aufmerksamkeit. Und gemessen an diesem Ziel hat das sehr gut funktioniert“, sagt Matthes.
Aufmerksamkeit sei für soziale Bewegungen zunächst ein wichtiger Erfolgsfaktor. Sie brauchen Sichtbarkeit, um überhaupt ins Bewusstsein der Menschen zu gelangen. Matthes warnt jedoch davor, dieselben auffälligen Protestformen dauerhaft zu wiederholen: „Auf Dauer ergibt es keinen Sinn, diese Form aufrechtzuerhalten, weil dadurch eher die Abneigung steigt als die Zustimmung.“
Aufmerksamkeit allein führt nicht zur Zustimmung. Genau darin liegt das Paradoxe: „Gut gemeinter Protest kann dazu führen, dass sich ein Teil der Bevölkerung von den Zielen entfernt, obwohl diese Menschen die Ziele grundsätzlich unterstützen würden.“
In der Studie verstärkten die radikalen Beiträge bei den befragten jungen Erwachsenen den Eindruck, dass die Gesellschaft beim Thema Umwelt stark gespalten sei. Gleichzeitig sank ihre Bereitschaft, sich gemeinsam mit anderen für den Umweltschutz einzusetzen. Je stärker sie die Gesellschaft als gespalten wahrnahmen, desto größer war auch das Gefühl der Hoffnungslosigkeit.
Das bedeutet nicht automatisch, dass reale Protestaktionen die Gesellschaft tatsächlich stärker spalten. Entscheidend ist zunächst, wie Menschen die gesellschaftliche Stimmung wahrnehmen. Wenn vor allem Konflikte und Gegensätze sichtbar werden, kann das Gefühl entstehen, dass eine gemeinsame Lösung der Klimakrise kaum noch möglich ist.
Spaltung oder notwendige Spannung?
Ob störender Protest die Gesellschaft spaltet oder nur sichtbar macht, welche Spannungen ohnehin vorhanden sind, bleibt umstritten. Matthes sieht wahrgenommene Polarisierung als problematisch, weil sie Verständigung erschwert. „Gesellschaftliche Polarisierung hat den Effekt, dass wir nicht mehr miteinander sprechen“, sagt er. Menschen mit unterschiedlichen Auffassungen könnten dann immer schwerer an einem Tisch sitzen, Argumente austauschen und die Perspektive der anderen zumindest nachvollziehen.
Auch Georg Bronn von Extinction Rebellion beschreibt diese Spannung als Risiko. In der Bewegung werde durchaus darüber gesprochen, ob Aktionen polarisierend wirken können. Manchmal nehme man dieses Risiko in Kauf, wenn dadurch Aufmerksamkeit entstehe. Gleichzeitig warnt Bronn davor, sich zu sehr von der Logik sozialer Medien treiben zu lassen. Je polarisierender etwas sei, desto stärker werde es häufig gelesen, geteilt und kommentiert.
Für Bronn liegt genau darin die Schwierigkeit: Eine Aktion soll auffallen. Sie soll aber nicht am Ende nur Empörung produzieren. Deshalb müsse immer wieder neu abgewogen werden, welche Form der Aufmerksamkeit hilfreich ist und welche am Ende vom eigentlichen Anliegen wegführt.
Theodor Schnarr von der Neuen Generation sieht das anders. Aus seiner Sicht haben die Proteste der Letzten Generation keine neue Polarisierung geschaffen. Sie hätten eher gezeigt, welche Konflikte längst da waren. An den Aktionen habe sich eher gezeigt, „was bereits an Polarisierung da war“. Gerade weil das Thema durch die Proteste präsent blieb, hätten Menschen angefangen, sich zu positionieren und darüber zu sprechen.
Für Schnarr ist diese Spannung kein Scheitern des Protests, sondern Teil seiner Wirkung. Er spricht von einer konstruktiven Spannung, die eine Gesellschaft dazu bringen könne, sich mit einem verdrängten Problem auseinanderzusetzen. Die Protestform sei im ersten Moment vielleicht unbequem. Entscheidend sei aber, dass danach über die Klimakrise gesprochen werde.
Gewaltfreiheit allein reicht nicht
Für die Aktivist*innen ist die wichtigste Grenze die Gewaltfreiheit. Schnarr formuliert es klar: „Ich würde in einen Protest gehen, der irritiert, der stört – aber der muss gewaltfrei sein.“
Auch Bronn beschreibt Gewaltfreiheit als zentralen Wert bei Extinction Rebellion. Er sagt: „Keine Gewalt gegen Menschen, keine irreversible Gewalt gegen Strukturen und Objekte, also keine Zerstörung.“
Matthes setzt die Grenze anders. Für die Studie war weniger die moralische Bewertung einer einzelnen Aktion interessant als ihre langfristige gesellschaftliche Wirkung. Protest wird dort problematisch, wo Menschen für Argumente nicht mehr erreichbar sind, so Jörg Matthes. „Alles, was die Gesellschaft auf Dauer weiter spaltet, ist eher weniger zielführend“, sagt er. „Mit einer gespaltenen Gesellschaft kann man den Klimawandel nicht in den Griff bekommen. Die Menschen müssen die Maßnahmen wirklich wollen und verstehen. Sie müssen für die Argumente zugänglich bleiben.“
Damit treffen zwei unterschiedliche Maßstäbe aufeinander. Für Aktivist*innen reicht es aus, dass Protest gewaltfrei bleibt. Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht ist aber genauso wichtig, ob nach der Störung noch Verständigung möglich bleibt.
Was nach der Störung kommen muss
Am Ende bleibt die Frage, was nach der Aufmerksamkeit passiert. Denn Störung allein löst noch kein Problem. Sie kann ein Thema sichtbar machen, aber sie ersetzt nicht die Verständigung darüber.
Aus der Studie ergibt sich ein wichtiger Hinweis für die Klimakommunikation: Wer Menschen langfristig erreichen will, braucht mehr als Aufmerksamkeit. Es geht darum, Einsicht zu ermöglichen durch Verständigung, Gespräche und Begegnung auf Augenhöhe. „Wenn man Menschen zum Handeln bewegen möchte, ist die beste Methode Einsicht, nicht Zwang“, sagt Matthes.
Auch Schnarr formuliert einen ähnlichen Wunsch. Menschen sollten die Protestform kurz beiseitelassen und wieder über das eigentliche Problem sprechen: „Wir haben ein massives Problem. Lasst uns überlegen, was wir machen können.“
Vielleicht liegt genau darin die Herausforderung aufmerksamkeitsstarker Klimaproteste: Sie müssen so stark stören, dass sie Aufmerksamkeit erzeugen. Aber sie dürfen nicht so stark abschrecken, dass kein Gespräch mehr möglich ist.
Klimaprotest kann Türen öffnen. Ob daraus gesellschaftliche Veränderung entsteht, entscheidet sich aber nicht allein auf der Straße, sondern danach: in Gesprächen, in politischen Entscheidungen und in der Frage, ob Menschen trotz Ärger bereit bleiben, einander zuzuhören.