Aus einer Beobachtung am Badesee wurde eine Recherche über die ökologischen Grenzen unserer Erholung.
Es ist Anfang Juni, ein warmer Tag in Bozen. Ideal, um sich abzukühlen. Seit einem Monat lebe ich in Südtirol und fahre wie viele andere an einen der nahe gelegenen Badeseen. Unsere Wahl fällt auf den Großen Montiggler See. Schon bei der Ankunft beeindruckt die idyllische Landschaft: ein weitläufiges Lido, bewaldete Ufer und dichte Schilfgürtel. Unberührte Stellen gibt es kaum.
Dabei lässt mich ein Gedanke nicht los: Kann ein Ökosystem diesen Andrang verkraften oder geschieht unsere Erholung auf Kosten der Natur? Eine Woche später zieht es uns erneut an einen Badesee – diesmal zum Völser Weiher. Obwohl er deutlich kleiner ist, tummeln sich auch hier viele Menschen. Noch bevor wir ins Wasser gehen, betrachtet meine Freundin Miri, die Umweltmanagement in Bozen studiert hat, die Wasseroberfläche. „Hier ist ja alles voller Sonnencreme“, stellt sie fest. Die Frage nach der Wirkung von Sonnencreme lässt mich nicht los. Mit meiner Recherche möchte ich niemandem das Baden vorwerfen – schließlich gehe ich selbst gerne schwimmen. Mich interessiert vielmehr, was geschieht, wenn ein Naturraum zugleich Lebensraum, Erholungsort und touristische Attraktion ist. Wo liegen die ökologischen Grenzen?
Um meiner Frage auf den Grund zu gehen, treffe ich mich rund einen Monat später mit Renate Alber vom Biologischen Labor des Landes am Völser Weiher. Die Biologin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Überwachung der Südtiroler Gewässer. Wir sind früh dran. Trotz Wochentag haben schon einige ihre Handtücher ausgebreitet, sonnen sich oder bedienen sich an der „Schwimmhütt“ am Weiher.

Renate Alber schaut nicht auf die Menschen, sondern ist ganz beim See. Seit vielen Jahren führt sie im Auftrag des Landes das Gewässermonitoring durch. „Positiv ist, dass der See heute deutlich klarer ist als noch vor zehn oder 15 Jahren“, merkt sie an. Tatsächlich lässt sich der Grund bis in größere Tiefe erkennen. Dass das heute wieder möglich ist, sei keineswegs selbstverständlich.
Noch Anfang der 2000er-Jahre geriet das Ökosystem aus dem Gleichgewicht. Illegal ausgesetzte Graskarpfen fraßen nahezu sämtliche Wasserpflanzen. Was zunächst harmlos klingt, hatte weitreichende Folgen. Die Pflanzen konnten keine Nährstoffe mehr aufnehmen, stattdessen standen sie mikroskopisch kleinen Algen – dem sogenannten Phytoplankton – zur Verfügung. Das Wasser wurde immer trüber, Cyanobakterien breiteten sich aus. Einige von ihnen können Giftstoffe bilden. „Wir mussten den See absenken und die Graskarpfen mit großem Aufwand entfernen“, erzählt Alber. Rund 40 freiwillige Helfer trieben die Fische mit einem Schleppnetz zusammen. Die verbliebenen Tiere wurden mit Strom aus dem Wasser gefischt.
Anschließend behandelten die Fachleute den Seegrund, setzten Armleuchteralgen ein und ermöglichten heimischen Wasserpflanzen wie dem Tausendblatt wieder zu wachsen. Heute übernehmen genau diese Pflanzen eine wichtige Aufgabe: Sie entziehen dem Wasser Nährstoffe und stabilisieren damit das ökologische Gleichgewicht. „Besonders überrascht hat mich, wie schnell sich der See erholt hat“, sagt Alber. „Ehrlich gesagt hätte ich nicht erwartet, dass wir innerhalb von sieben Jahren bereits eine so deutliche Verbesserung erreichen würden.“
Während wir weitergehen, komme ich auf die Bemerkung meiner Freundin zurück. „Mich interessiert die Perspektive der Tiere und Pflanzen, die keine Stimme haben. Welche Auswirkungen hat Sonnencreme auf den See?“ Alber weiß, wovon sie spricht. Sie antwortet differenziert und sachlich. „Die Auswirkungen von Sonnencreme auf Gewässer sind noch nicht vollständig erforscht. Es gibt Studien, die zeigen, dass Rückstände Fische beeinflussen können, etwa ihren Hormonhaushalt. Für Südtiroler Seen liegen dazu allerdings keine eigenen Untersuchungen vor.“
In der EU gibt es bislang keine einheitliche Regelung für sogenannte riff- oder gewässerfreundliche Sonnencremes. Der Einfluss von Sonnencreme ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. „Sonnencremes sind für das gesamte Ökosystem derzeit vermutlich weniger problematisch als beispielsweise Nährstoffeinträge“, ordnet Alber ein. Ganz ausschließen möchte sie mögliche Auswirkungen aber nicht. „Das ist durchaus möglich“, sagt Alber. Sie empfiehlt deshalb, vor dem Baden zu duschen und – wenn möglich – biologisch abbaubare Sonnencremes zu verwenden. Gleichzeitig könne man den Menschen aber nicht von Sonnencreme abraten, da dies das Hautkrebsrisiko erhöhen würde. Beide Aspekte müssten daher gegeneinander abgewogen werden.
Mir wird klar: Wissenschaft liefert selten einfache Antworten, sondern verlangt Abwägungen. Gerade deshalb sind Aufklärung und wissenschaftliche Erkenntnisse entscheidend.
Die Diskussion über Sonnencreme lenkt den Blick auf ein grundsätzliches Problem: Nicht ein einzelner Einfluss belastet einen See, sondern die Summe vieler kleiner Einträge. „Besonders relevant ist der Nährstoffeintrag. Wenn viele Badegäste einen See nutzen, können zusätzliche Nährstoffe – etwa durch Urin – und weitere Rückstände eingetragen werden“, erklärt Alber.
Ob das so viele Menschen wissen oder sich darüber überhaupt Gedanken machen? Mir kommt die Idee einer Infotafel. Doch wie sieht das eigentlich die Gemeinde, die den Weiher betreut? Denn ein Schild mit Verhaltensregeln am Badesee finde ich vergeblich. Lediglich auf ein Badeverbot für Hunde wird hingewiesen.

Othmar Stampfer, Bürgermeister der Gemeinde Völs am Schlern, sieht zusätzliche Schilder nur bedingt als Lösung. „Natürlich könnte man immer mehr Schilder aufstellen. Aber wir möchten den Weiher nicht mit Verbotsschildern überladen“, sagt er. Statt immer neuer Verbote setzt die Gemeinde auf Sensibilisierung. In diesem Sommer sind erstmals Ranger im Einsatz, die Besucher ansprechen und auf Natur- und Umweltschutz aufmerksam machen sollen.
Ein weiteres Problem für die Umwelt ist der Einfluss von Plastik. Renate Alber führt aus: „Wir untersuchen derzeit verschiedene Südtiroler Gewässer auf Mikroplastik. Mittlerweile gibt es praktisch kein Gewässer mehr, in dem wir gar nichts finden.“ Als wir an einem kleinen Steg vorbeikommen, bemerke ich den großen Schilfgürtel, der ihn umgibt. Vom Grund wachsen Wasserpflanzen einmal quer durch die „Wassersäule“, den gesamten Wasserbereich vom Grund bis zur Oberfläche. Alber hebt eine dieser Pflanzen leicht aus dem Wasser: „Das hier ist ein Tausendblatt.“ Ich erinnere mich, wie ich beim Schwimmen erschrocken umdrehte, als ich plötzlich von Wasserpflanzen umgeben war. Was ich früher für störende „Algen“ hielt, erscheint mir heute als natürliche Kläranlage. Das Tausendblatt nimmt Nährstoffe auf, verbessert die Wasserqualität und trägt dazu bei, den See im Gleichgewicht zu halten.
Gerade die Ufer- und Schilfzonen reagieren besonders empfindlich auf menschliche Nutzung. „Schilfgürtel sind wichtige Laichhabitate für Fische. Libellen entwickeln sich hier vom Ei bis zum erwachsenen Tier, viele Vogelarten finden Rückzugsräume, und auch Amphibien sind auf solche Bereiche angewiesen“, weiß die Wissenschaftlerin.
Am Großen Montiggler See hatte ich zahlreiche Trampelpfade durch genau solche Schilfzonen gesehen. „Man kann den Menschen den Zugang zum See nicht komplett verbieten“, sagt Alber. „Aber Tiere brauchen Rückzugsräume. Es ist immer eine Gratwanderung.“ Genau darin liegt wohl die Schwierigkeit. Nicht jeder einzelne Badegast verändert einen See. Doch mit jedem zusätzlichen neuen Trampelpfad und jeder achtlos weggeworfenen Plastikflasche verändert sich das Ökosystem ein Stück weit.
Wie ihre Arbeit im Detail aussieht, zeigt mir Renate Alber nach unserem Rundgang im Labor in Leifers. Hier werden die Proben aus den Südtiroler Seen unter dem Mikroskop ausgewertet. Viele dieser Arten gelten als Bioindikatoren und geben Aufschluss über den Zustand eines Gewässers. In einem intakten See kommen andere Arten vor als in einem belasteten. Ich frage mich, woran gemessen wird, ob ein See „gut“ ist und ob die Ergebnisse der Biologie mit den gesetzlichen Vorgaben übereinstimmen. Alber sieht keinen Widerspruch: „Wenn das, was die Biologie zeigt, mit den gesetzlichen Vorgaben übereinstimmt, ist das eigentlich ein gutes Zeichen.“ Gewässer werden kontinuierlich überwacht – Veränderungen und Verbesserungen lassen sich dadurch wissenschaftlich nachweisen.

Nach der Exkursion hat sich mein Blick verändert. Ich sehe neben dem idyllischen Badesee ein sensibles Ökosystem, das gleichzeitig Lebensraum, Erholungsort und touristische Attraktion ist. Viele Belastungen bleiben unsichtbar – von Nährstoffeinträgen bis Mikroplastik.
Möglicherweise lautet die eigentliche Frage deshalb gar nicht, wie viel Mensch ein See verträgt. Sondern wie viel Rücksicht wir Menschen bereit sind zu nehmen. Und vielleicht beginnt Rücksicht genau dort: mit dem Wissen darüber, warum ein See Schutz braucht.